Wenn die Welt zu laut ist
Die Deadlines reihen sich aneinander, die To-Do-Listen werden mit jeder Minute länger und dann ploppen aus heiterem Himmel noch mehr Ideen auf, die geschrieben werden wollen. Oft werde ich gefragt, wie ich das eigentlich so schaffe … das mit den 10.000 Leben, die alle gleichzeitig laufen und auch noch zu funktionieren scheinen. Mein Geheimnis?
Ganz simpel: Ich habe ADHS.
AD(H)S.
Meine Wunderwaffe.
Meine Superkraft.
Mein größtes Problem.
„ADHS? Das ist doch nur so eine Modeerkrankung, die plötzlich jeder hat.“
Was ist eigentlich AD(H)S und ist das wirklich so neu?
Wenn ich über den Alltag als Autor mit AD(H)S schreiben will, dann muss ich vorher dafür sorgen, dass wir alle halbwegs auf einem Wissensstand sind, denn was AD(H)S angeht, gibt es immer noch viele Vorurteile und viel Unwissenheit. Eines der größten Mythen, rund um die Diagnose AD(H)S ist vermutlich ein Satz, den viele Betroffene – ich eingeschlossen – kennen: „Das ist doch nur so eine Modediagnose, die heute alle bekommen“. Aber was ist da eigentlich dran?
So, aber was genau ist das jetzt eigentlich? AD(H)S ist die Abkürzung für Aufmerksakeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (das H steht in Klammern, um aufzuzeigen, dass die Hyperaktivität optional ist) und wird, wenn man lange genug recherchiert, als psychologische-, neurologische und gelegentlich sogar als Verhaltensstörung bezeichnet. Den meisten ist ADHS vor allem durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und die Hyperaktivität bekannt. Es ist allerdings ein Spektrum und umfasst viel mehr Symptome als das. Es gibt im allgemeinen Sprachgebrauch noch oft die Unterteilung in ADS und ADHS, was aber im klinischen Kontext nicht mehr aktuell ist. Stattdessen handelt es sich nach den modernen Diagnosekriterien (DSM-5-TR) um eine gemeinsame Diagnose, nämlich ADHS und dies wird in drei Subtypen unterteilt.
Subtypen
- Vorwiegend unaufmerksamer Typ (wurde bisher immer als ADS bezeichnet)
- Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ
- Mischtyp
Der vorwiegend unaufmerksame Typ (ADHS-I) ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene verträumt, langsam und sensibel sind und Schwierigkeiten mit der Konzentration haben. Ihnen fällt es schwer Details zu beachten oder ihre Aufgaben zu organisieren. Gleichzeitig fehlt ihnen aber die körperliche Hyperaktivität. Sie werden eher als still und verträumt wahrgenommen und wirken oft abwesend.
Sie haben außerdem Arbeitsgedächtnisprobleme und oft eine Abneigung gegenüber lauten Gruppensituationen. Angststörungen und Depressionen sind hier auch nicht selten.
Wir haben hier also komorbide Störungen, die meist internalisierend sind – also von innen kommen.
Komorbidität
In der Medizin spricht man von einer Komorbidität, wenn mehrere eigenständige Erkrankungen gleichzeitig vorliegen – neben der Primärerkrankung. Wir haben also eine Hauptdiagnose und dazu noch weitere Erkrankungen. Zum Beispiel AD(H)S und Depressionen. Das sind jeweils eigenständige Krankheiten, die aber zusammen auftreten und den Krankheitsverlauf verlängern und die Lebensqualität stark einschränken.
Um die Krankheiten zu behandeln, müssen verschiedene Fachbereiche zusammenarbeiten und die Erkrankungen parallel behandeln.
Der überwiegend hyperaktive-impulsive Typ (ADHS-HI), ist dann der Subtyp, den wir ganz oft mit AD(H)S in Verbindung bringen. Betroffene, die einen extremen Bewegungsdrang haben, an einer inneren Unruhe leiden und sehr impulsiv sind. Sie fallen auf, weil sie zum Beispiel mit ihren Antworten herausplatzen und einfach nicht abwarten können. Man beschreibt sie als Menschen, die stets getrieben wirken.
Auf Fachseiten heißt es hier, dass die komorbiden Störungen meistens externalisierend sind. Sie kommen also von außen. Ich nehme an, dass das daran liegt, dass dieser Typ ja ziemlich oft aneckt und entsprechend leider oft negativ wahrgenommen wird und das zu spüren bekommt. Der Gedanke, man ist falsch, kommt leider viel zu oft. Zudem bestehen bei dem Typen auch häufiger Entzündungsprobleme und eine abgeflachte Cortisolstressantwort.
Und dann ist da der Mischtyp (ADHS-C). Die, die in beide Töpfe gegriffen haben. Eine der häufigsten Formen in dem Spektrum, bei der die Symptome von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gleich stark ausgeprägt sind.
Ursachen von AD(H)S
Leider sind die Ursachen bislang nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass es eine Vielzahl von Einflussfaktoren gibt. Die Genetik, aber auch Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen oder Umweltfaktoren. Dadurch kann eine Entwicklungsabweichung neuronaler Regelkreise zustande kommen, die die Symptome verursachen. Hier geht es vor allem um das Neurotransmittersystem, also die Botenstoffe, die zwischen den einzelnen Hirnzellen eine Verbindung herstellen. Studien sprechen dafür, dass es bei ADHS Funktionsstörungen bestimmter neuronaler Regelkreise gibt, die zum Striatum (ein Teil der Basalganglinien) und zum Frontalhirn gehören. Man hat aber auch Abweichungen im Kleinhirn und anderen Hirnarealen gefunden.
Diese Regelkreise realisieren und steuern unsere Motivation, Emotion, Kognition und unser Bewegungsverhalten. Die Störungen gehen dann wohl mit einem Über- oder Unterangebot der beteiligten Botenstoffe einher. Gerade bei ADHS geht es hier um Dopamin und Noradrenalin. Durch die Stoffwechsel- und Funktionsstörungen im Gehirn sind Betroffene nur eingeschränkt in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren. Es kommt zu einer gestörten Selbstregulation und einer Behinderung des Zugriffs auf vorhandene Fähigkeiten und Informationen. Vorausschauende Handlungsplanung wird erschwert.
Der erblichen Vorbelastung wird hier eine bedeutende Rolle zugeteilt. Es gibt Belege, die aus Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien. Zum Beispiel zeigen Zwillingsstudien, dass gut 80% der eineiigen und knapp 30% der zweieiigen Zwillinge die gleichen Symptome zeigen.
Gleichzeitig kann der Konsum von Nikotin, Alkohol und anderen Drogen, während der Schwangerschaft das Risiko wohl zusätzlich erhöhen. Ebenso zentralnervöse Infektionen, Schädelhirntraumen oder Verletzungen und Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt. Das sind aber alles Vermutungen und es ist entsprechend kein Muss, dass so etwas AD(H)S verursacht.
Und dann sind da noch die psychosozialen Einflüsse, denn die Entwicklung und der Verlauf von AD(H)S kann durch familiäre und schulische Einflüsse beeinflusst werden. Sie sind zwar keine direkte Ursache für die Erkrankung, können aber in einem erheblichen Maße die Probleme verstärken und den Verlauf bestimmen.
Ein Beispiel ist zum Beispiel, dass Erwachsene mit AD(H)S in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, wie man die Symptome maskiert und dann kommen Kinder ins Spiel und das zerbricht die Maske mit einem Mal.
Dopamin
Ein zentraler Neurotransmitter (Botenstoff) und Teil des Belohnungssystems, der Motivation, Bewegung und Emotionen steuert.
Noradrenalin
Ebenfalls ein wichtiger Neurotransmitter und Hormon (Katecholamin), das im Nebennierenmark und sympathischen Nervensystem gebildet wird. Steigert den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Energiebereitstellung in Stresssituationen.
AD(H)S und Sucht
Sucht ist bei AD(H)S ein gar nicht so kleines Thema. Da die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nicht zu Genüge im Gehirn zur Verfügung stehen, steigt das Suchtrisiko. Denn viele Suchtmittel (Nikotin, Alkohol, Cannabis) wirken sehr ähnlich wie Dopamin und dadurch kann es so aussehen, als hätten diese einen positiven Einfluss auf das AD(H)S.
Drogen werden oft zu einer Selbstmedikation, da sie durch das AD(H)S oftmals anders wirken. Koffein ist da ein sehr schönes Beispiel, das putscht nämlich nicht auf, sondern beruhigt. Man wird durch Kaffee einfach nicht wach und wundert sich über die ganzen Leute, die die Flatter davon bekommen, wenn sie deinen Kaffee trinken xD Also vorsicht, wenn ich Kaffee koche 😉
AD(H)S eine neue Modeerscheinung?
So und nun kommen wir zum interessanten Teil: Ist AD(H)S was so Neues, dass es nur eine Modeerscheinung ist?
Ich liebe ja Geschichte und umso begeisterter war ich, als ich mir mal den geschichtlichen Hintergrund zu AD(H)S gefunden habe. Denn im Jahr 1775 erschien erstmals ein Werk, in dem die klassischen Symptome von AD(H)S erwähnt werden. Es stammt von dem Arzt und Wissenschaftler Melchior Adam Weikard und ein ganzer Artikel befasst sich mit dem Mangel der Aufmerksamkeit. Er schlug auch Heilungsmethoden vor, die man heute eher belächelt. Zum Glück.
Einsperren im Dunkeln, oder ein kaltes Bad … das sind keine Optionen mehr.
1798 wies der schottische Arzt Sir Alexander Crichton ebenfalls auf Konzentrationsprobleme bei Kindern hin, unter anderem in dem Buch „Eine Untersuchung über die Natur und den Ursprung der geistigen Krankheiten“. Da beschreibt er Kinder, die Schwierigkeiten hatten sich auf spezifische Aufgaben zu richten. Er ging von einer zu starken oder zu geringen Sensibilität der Nerven aus.
1871 veröffentlichte der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann – der Autor vom Horrorkinderbuch Nummer 1 „Der Struwwelpeter“ – einen Artikel über die Entstehungsgeschichte seines Kinderbuches.
„Gegen Weihnachten des Jahres 1844, als mein ältester Sohn drei Jahre alt war, ging ich in die Stadt, um demselben zum Festgeschenke ein Bilderbuch zu kaufen, wie es der Fassungskraft des kleinen menschlichen Wesens in solchem Alter entsprechend schien. Aber was fand ich? Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: Das brave Kind muss wahrhaft sein, oder: Brave Kinder müssen sich reinlich halten.“
1902 beschrieb der englische Arzt Sir George Frederic Still in mehreren Vorträgen Kinder, die sich über Autoritäten hinwegsetzten und sich nicht angemessen verhalten konnten. Es etablierte sich durch ihn der Begriff der „abnormalen Störung der moralischen Kontrolle“. Er deutete sogar darauf hin, dass das Problem bei einer Störung des Nervensystems zu suchen sei. Und dennoch blieb das Bild des schlecht erzogenen Kindes. Solche Gedanken, in einer Zeit, in der Disziplin und Gehorsam super wichtig waren, was das natürlich eine katastrophale Situation. Züchtigung war das täglich Brot in betroffenen Familien.
Etwa 20 Jahre nach dieser Erkenntnis, gab es in den USA und in Europa eine – bis heute – nicht restlos verstandene Erkrankung: Enzephalitis lethargica. Die europäische Schlafkrankheit. Sie versetzte erkrankte Menschen in einen komatösen Zustand und führte bei den Überlebenden zu schwerwiegenden neurologischen und verhaltensbezogenen Beeinträchtungen. Kinder zeigten sich nach der Genesung impulsiv und unkonzentriert.
Es war zwar kein AD(H)S, aber es führte einfach zu einem Umdenken in der medizinischen Gemeinschaft. AD(H)S könnte ja an was anderem liegen, als an der erziehung – oder dem Mangel davon. In den 1960er und 1970er Jahren gingen die Forschungen inzwischen so weit, dass man davon ausging, dass ein Sauerstoffmangel bei der Geburt zu minimalen Gehirnschäden und Funktionsstörungen führte. POS wart geboren (psychoorganisches Syndrom) und umfasste zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten.
1980 war es dann soweit: Der amerikanische und statistische Leitfaden psychischer Störungen (DSM) führte die Diagnose ADS ein. Es wurde zwischen ADHS und ADS unterschieden. POS wurde in der Schweiz dann 2012 abgeschafft.
1990 dann der nächste Durchbruch: ADHS ist keine reine Kinderkrankheit. Auch Erwachsene sind davon betroffen. Langzeitstudien zeigen immer deutlicher, dass ADHS nicht einfach so verschwindet. Dann die oben genannten Zwillingsstudien in den 70ern. Aber erst in den 2000er Jahren kamen allmählich die Diagnosen für Erwachsene. Die Symptome wurden im Kindesalter übersehen oder mit anderen Diagnosen verwechselt. In den 2010er Jahren wurde dann die Unterscheidung zwischen ADS und ADHS abgeschafft – auch wenn es teilweise noch so in den Köpfen ist.
In den 2020er Jahren kam dann der Durchbruch für uns alte Hasen. Der breiten Bevölkerung wurde klar, dass AD(H)S etwas ist, was auch sie betreffen könnte. Die Menschen reden darüber und dadurch wird vielen klar, dass etwas nicht stimmt und sie suchen sich Hilfe.
Also von wegen Modeerscheinung!
Masking/Maskieren
Der ein oder andere hat bestimmt auf Social Media einen dieser beiden Begriffe gelesen oder gehört. Hier geht es das Verbergen – bewusst oder unbewusst – einer Erkrankung. Gerade wenn es um Essstörungen, Autismus, AD(H)S oder zum Beispiel auch Borderline geht, kommen diese Begriffe häufiger zum Einsatz. Bestimmt auch in anderen Bereichen, aber das sind die, in denen mir diese Nutzung bekannt ist. Es handelt sich um eine Strategie, um nicht aufzufallen und gerade bei AD(H)S und Autismus wissen die Betroffenen nicht einmal, dass sie diese Technik anwenden. Sie verbergen damit ihre eigenen Bedürfnisse, Reaktionen und die neurodivergenten Merkmale, um in unserer Gesellschaft klarzukommen.
Schule, Beruf und Freizeit sind Bereiche, in denen man schnell auf Ablehnung stößt, wenn man nicht ins Bild passt. Das Masking ist am Ende ein reiner Überlebensmechanismus. Man geht auf Partys, stellt Augenkontakt her, unterdrückt emotionale oder impulsive Reaktionen und sogar Stimming-Verhaltensweisen werden entweder so unauffällig wie möglich praktiziert oder ganz unterdrückt.
Vom Masking sind vor allem Mädchen und Frauen betroffen und hier kann man sich die Frage stellen, ob es daran liegt, dass das gesellschaftliche Bild von AD(H)S eher männlich ist oder ob das gesellschaftliche Bild vorwiegend männlich ist, weil Mädchen und Frauen maskieren. Das Henne-Ei Problem. Die Rolle der Frau ist ja doch eher die, dass sie ruhig sind, behütend und auf Perfektionismus aus. Diese Rolle wird schon kleinen Kindern eingetrichtert und das wirkt natürlich nach. Sie versuchen in dieses Bild zu passen und werden zu Masking-Profis. Das hat zur Folge, dass zahlreiche Frauen erst sehr spät ihre eigene Diagnose erhalten. Oft erst, wenn die eigenen Kinder die Diagnose erhalten und die ersten Parallelen ersichtlich werden.
In den Quellen habe ich einen Blogartikel verlinkt, vom Therapienetz Essstörung. Falls ihr da ein bisschen intensiver nachlesen wollt und vielleicht auch mit diesem Bezug.
Stimming
Das bezeichnet ein selbststimulierendes Verhalten. Es handelt sich um sich wiederholende, oft unbewusste Bewegungen, Geräusche oder Handlungen. Damit regulieren sich Betroffene selbst, balancieren ihre Emotionen, bauen Stress ab, steigern ihre Konzentration oder setzen überschüssige Energie frei. Verschiedene Techniken helfen der Reizverarbeitung und beruhigen das Nervensystem. Die Techniken sind so vielfältig, dass ich hier natürlich nicht alle auflisten kann. Aber ein paar Beispiele:
- Flattern mit den Händen
- Klatschen
- übermäßiges Blinzeln
- Schaukeln mit dem Oberkörper
- Kugelschreiber oder Feuerzeug klickern
- Fidget Toys – JA, es gibt extra Spinning Tools! Da findet man mega coole Sachen.
Mein AD(H)S und ich
Die Anfänge
„C. kann sich nicht konzentrieren.“
„C. hat Schwieirgkeiten sich in die Klassengemeinschaft einzugliedern.“
„C. schafft es nicht Arbeitsaufträge in der dafür vorgesehenen Zeit zu beenden.“
„C. hat oft ihre Arbeitsmaterialien nicht dabei.“
„C.s Arbeitsmaterialien sind unordentlich und ihre Schrift unsauber, bis nicht lesbar.“
„C hat einen enormen Mitteilungsdrang.“
„C. hat einen großen Sinn für Gerechtigkeit.“
Wenn ich mir meine Zeugnisse ab der ersten Klasse durchlese, dann schlägt mir die Diagnose ADHS mit so einer Wucht entgegen. Und ich weiß auch, dass Lehrkräfte meine Mutter regelmäßig darauf ansprachen und ihr empfahlen eine Diagnostik mit mir anzugehen. Meine Mutter weigerte sich und profilierte sich sogar damit, dass sie mir keine „Drogen“ verabreichen lassen will. Ich wäre nur ein Kind, ein bisschen wilder und müsste einfach nur mehr an die frische Luft. Lustig, denn ich war als Kind mehr draußen, als zuhause. Aber was den Lehrern damals auch auffiel, war mein Drang Wissen anzuhäufen. Meine wechselnden Interessen und der Hyperfokus, auf das gerade aktuelle Thema. In der vierten Klasse sollte ich ein Referat schreiben, über Schlangen. Ich habe es vergessen und einen Abend, bevor ich es dann halten sollte, erinnerte ich mich wieder daran und habe dann mit meiner Mutter ein achtzehn Seitiges Manuskript ausgearbeitet. Warum ich mich an diese Zahl erinnere? Weil ich dieses Referat nicht nur in der vierten Klasse gehalten habe – Lehrer aus der Oberstufe wollten es auch unbedingt sehen und so habe ich insgesamt drei Mal meine eins drauf bekommen. Und dann verschwand es. Eine Lehrerin hat es einer Klassenkameradin gegeben, damit sie es mir zurückgibt. Es kam nie wieder bei mir an. Leider. Es war ein tolles Referat und ein super Beispiel für mein ADHS.
Der Moment, wenn der Druck so groß ist und die Deadline zum Greifen nahe – da funktioniere ich am besten.
Das zeiht sich durch meine gesamte Schulzeit. Genauso wie die Momente, in denen ich plötzlich aufsprang und zum Fenster rannte, in denen ich summte, obwohl wir ruhig sein sollten. Mein Reden wie ein Wasserfall und das ich dauernd dazwischen rede. Oder ich will mein Mitgefühl bekunden, indem ich erzähle, wie etwas bei mir war.
Die Diagnose
CN: SVV
Als ich ein Kind war, empfand ich Wut. Sagte meine Mutter. Ich schrie und tobte, riss mir die Haare aus, schlug den Kopf gegen die Wand, schmiss Dinge durch die Gegend und biss mir in den Arm, bis ich blutete. Die Ärzte nannten das in den 90ern Jähzorn. Eine Krankheit, die in meiner Familie bekannt ist. Meine Oma, ihre Mutter, mein Onkel … es zieht sich durch mehrere Generationen und als meine Mutter mich deswegen zum Arzt brachte, sagte man ihr, sie solle mich festketten oder festbinden oder festhalten. Therapie nannte man das.
Als ich sechs war, griff ich zum ersten Mal zu einer Glasscherbe und schnitt mir bei extremer Wut in den Arm. Mit siebzehn brachte meine beste Freundin mich nach Herzberge (ein Krankenhaus hier), meine Arme waren zerschnitten – ich hätte Borderline. Ja, vielleicht. Aber das war nicht der Auslöser, sondern nur eine Folge. Denn mit zwanzig, vor fünfzehn Jahren also, kam die erlösende Diagnose: Ich habe AD(H)S. Es fiel auf, weil ich in der Schule zusammenbrach. Mir waren meine Mitschüler zu laut, die Konzentration wurde immer schlechter und ich immer vergesslicher. Es war eine zufällige Diagnose, weil ich wegen was anderem bei meiner Ärztin war und sie mich fragte, wie es mir geht. Ich erzählte von der Schule und den Pausen, die ich brauchte und das ich wieder mehr rauchte. Und dann: AD(H)S und die dümmste Entscheidung ever. Als sie mich fragte, ob ich eine Überweisung zur offiziellen Diagnostik möchte, sagte ich nein.
Heute bereue ich das, weil ich nun keinen Platz dafür finde.
Die Erkenntnis und das Schreiben und Illustrieren
Mit den Jahren habe ich mich nicht weiter mit AD(H)S befasst, bis ich davon immer mehr auf Social Media las. Aber auch da tat ich das total ab. Ja, ich bin halt ein bisschen hibbelig, aber der Leidensweg, den viele beschrieben? Quatsch, AD(H)S ist doch meine persönliche Superkraft. Ich kann mich voll in Themen hineinwerfen und unter Druck funktioniere ich am Besten. Ist doch geil. Irgendwann redete ich mit einer Freundin über die ein oder andere Sache. Und da kam einfach: Joa, typisch AD(H)S.
Hä?
Ernsthaft?
Ich gucke zoig tausendmal Jurrassic Park – typisch, denn das ist mein wohlfühl Film, wenn ich wieder Ruhe im Kopf brauche.
In meinem Kopf sind 10000 Tabs offen und in mindestens fünf davon läuft Musik – japp, AD(H)S.
Meine Vergesslichkeit, Müdigkeit, die mangelnde Wirkung von Kaffee, das längere Schlafphasen schlechter sind als kurze, mein Hyperfokus … die Liste wurde immer und immer länger und nahm gefühlt gar kein Ende. Allmählich sickerte die Erkenntnis durch, dass das alles mit meinem AD(H)S zu tun hat und mit einem Mal ergab mein gesamtes Leben einen Sinn. Ich fing daraufhin an mich zu belesen und mein Verhalten zu hinterfragen. Hat es dazu geführt, dass ich etwas ändere oder anpasse?
Dazu muss ich nichts sagen, oder? Aber hey, ich verstehe immerhin, warum ich reagiere, wie ich reagiere. Obwohl doch, eine Änderung gibt es: Ich nehme mich raus, wenn ich merke, dass mein Akku leer ist. Zumindest, wenn das geht.
Und wie wirkt sich die ganze Sache eigentlich auf meine Arbeit aus?
Das fängt ziemlich banal an, mit meinen Projekten. Ich habe eine Idee, notiere mir die und lege die beiseite. Dann lässt sie mich nicht los und ich fange an zu plotten. Wenigstens schon mal damit anfangen, damit die Story arbeiten kann, während ich an der aktuellen sitze. Aber die Geschichte drängelt, ist laut und ich fange an wenigstens ein paar Seiten zu schreiben. etwas 50 oder 60 Seiten ist mein Fokus erstmal vorbei und die Gier nach der neuen Geschichte gestillt. Geil, dann kann ich mich ja wieder an das aktuelle Buch setzen und schreiben. Aber huch, was ist das denn? Da kommt ja eine neue Idee.
Früher war das wenigstens immer im selben Genre. Fantasy. Zwar dann auch in den verschiedenen Subgenres oder Steampunk, aber halt immer unter Alex Pudlich mit fantastischen Elementen. Seit 2025 habe ich ein neues Pseudonym: Luna Fae. Da schreibe ich plötzlich Romance und es kommt eine Idee nach der anderen. Meine Liste wird immer länger und sie hört einfach nicht auf zu wachsen. Es ist furchtbar. Mein Notion Board ist noch recht überschaubar, aber meine Excel-Tabelle mit den groben Ideen? Fragt nicht nach Sonnenschein.
Klingt natürlich erst einmal total geil, weil ich zig Ideen habe und nicht in die Verlegenheit komme, dass es plötzlich still wird. Das ich nicht mehr schreiben kann und ohne Arbeit da stehe. Aber es hat einen Nachteil, den viele nicht sehen oder bedenken. Es ist laut in meinem Kopf. Die Ideen schreien, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Es tut zum Teil richtiggehend weh. Aber nicht im Kopf direkt, sondern hinten im Nacken und wenn die Ideen nicht rauskommen, dann werden die Schmerzen nur schlimmer. Ich werde nervös, das Stimming funktioniert dann nicht mehr.
Gleichzeitig stimmuliert die Recherche meinen Dopamin-Haushalt. Ich bin regelrecht süchtig danach, neue Dinge zu lernen. Ich kann nicht genug davon bekommen. Ich versinke regelrecht in den Rabbit-Holes und vergesse dann darüber, weiter zu schreiben oder zu plotten. Dadurch verändert sich auch mal ganz viel in einer Geschichte, was vorher gar nicht so geplant war. Dafür kann ich dann wieder mein Wissen weitergeben. Und es wirkt sich auch auf meine Charaktere aus. Ganz am Anfang wusste ich gar nicht, dass da Charaktere mit AD(H)S sind. Die haben sich total normal verhalten, so aus meinem Blickwinkel. Irgendwann wies mich jemand drauf hin und ich las mir meine Bücher noch einmal durch. Selbst das ergab auf einmal Sinn – ab da an fing ich an bewusst darauf zu achten.
Mein AD(H)S wirkt sich aber auch auf meine Deadlines aus. Ich gehöre übrigens zum Mischtyp. Ich habe in beide Töpfe gegriffen und das nicht nur ein paar Löffel, sondern direkt mit Kellen. Großen Kellen und das ganz oft. Einfach den Eimer voll gemacht und gemischt. Und dann kommt da so eine Deadline. Ein Buch, dass dringend fertig werden muss, eine Mail, die ich beantworten muss, eine Anfrage … ich denke mir: Mach ich später. Und vergesse es. Es ist zum Kotzen. Eine Email an den Verlag, damit eine Gewinnerin ihr Ebook bekommt? Vergessen, weil dann irgendwas wichtiger war für mein Hirn. Eine Interview Frage beantworten? Vergessen.
Die To-Do Listen wachsen und ich versuche verzweifelt daran zu denken, was als nächstes erledigt werden muss. Schlaf? Wird immer weniger, vor allem seit ich Neverending Midnight neu schreibe. Auf einmal habe ich nur noch einen knappen Monat Zeit und muss noch 90k Wörter schreiben. Ich arbeite zum Teil voll im Hyperfokus bis zwei Uhr oder drei Uhr. Gleichzeitig habe ich natürlich noch meine Illustrationsaufträge. Ich werde aber besser und ich arbeite hart daran.
Es nervt mich ja selbst, weil ich auch so dermaßen gereizt bin, wenn irgendwas nicht so klappt wie geplant. Vor allem weil ich auch ein Kind habe und da passiert andauernd etwas unerwartetes. Ganz großes Kino xD Betreuung bricht auf einmal weg und ich muss die Stunden, die ich tagsüber nicht arbeiten kann, dann auf die Nacht verlegen. So als Beispiel. Oder Procreate sagt auf einmal, dass sie das Programm auf den Desktop bringen und XP Pen hat gleichzeitig einen Wettbewerb, bei dem man ein Graphic Tablet gewinnen kann – natürlich will da mitmachen und natürlich überschneidet sich deren Deadline auch mit meinen anderen Deadlines. T_T aber hey, ich funktioniere doch so wunderbar mit Druck.
Aber anstatt einen Gang runterzufahren, kommt immer mehr. Immer mehr. Immer mehr. Und ich liebe alles daran. Aber eine Superkraft? Nein, AD(H)S ist keine Superkraft, sondern ein Teil meines Lebens, mit dem ich irgendwie klarkommen muss. Würde ich das gerne los sein? Ja! O Gott, JA! Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass das meine Kreativität mindert und gehe deshalb nicht mehr auf die Suche nach einer Diagnostik. Auch wenn meine Vernunft sagt, dass ich eigentlich sollte.
Ein anderes Ding sind Messen. So viele Menschen. Das ich da durchlaufe, die Lautstärke um mich herum, die versehentlichen Berührungen, die Gespräche. Ich gehöre zu den Menschen, die ganz viele Fotos machen, aber auf Messen kann ich das nicht. Da bin ich im Überlebensmodus. Als Besucher werdet ihr mich oft recht fahrig erleben. Augenkontakt kann ich da noch seltener halten, als normal.
Aber ich bin ja auch Aussteller. Und da muss ich lächeln. Viel lächeln. Gespräche führen. Auf einer Messe sitze ich so gut wie gar nicht, gehe immer nach vorne und spreche Leute sehr aktiv an. Dann unterhalte ich mich mit zig Menschen. Und ich lächle dabei, ganz dolle viel. Schlimm sind dann Freunde, die mich besuchen kommen. Natürlich freue ich mich über die vertrauten Gesichter, aber es ist anstrengend, wenn man dann beisammen steht und sich unterhält, während ich bereits seit Stunden auf der Messe bin und regelrecht auf dem Zahnfleisch laufe. Aber ich schaffe das. An einigen kleinen Messen habe ich auch Gesellschaft, weil mich mein bester Freundes-Mensch begleitet. Dann kann ich mal rausgehen und eine Rauchen. Oder jemand achtet mal darauf, dass ich was trinke – denn dass vergesse ich an normalen Tagen schon, aber auf Messen? Wenn ich als Besucher auf der LBM bin habe ich dann Papa Babs, die auf mich aufpasst und auch für Pausen sorgt – ich glaube sonst würde ich das einfach nicht schaffen.
CN: Sucht
Aber Rauchen ist auch so ein gutes Stichwort. Sucht, ne … hatten wir ja schon das Thema. Sucht ist so ein Problem, mit dem ich schon seit meiner Jugend zu tun habe. Leider war es bei mir nicht immer nur Kaffee und Nikotin. Da war auch viel zu viel Chemie dabei und Alkohol und fragt nicht, wie oft ich versucht habe mit dem Rauchen aufzuhören. Vor sechs Jahren das letzte mal. Und dass bis vor zwei Jahren immerhin. Aber dann kamen die Messen. Die Deadlines. Und am Abend stand ein Gläschen auf dem Tisch. Whisky. Bierchen. Hier und da, weil der Stress stetig wuchs. Auf Messen rauchte ich bereits wieder, weil ich das ohne das Drehen und das Rausgehen … diesen gewohnten Trott, um runterzukommen, also begann ich auch wieder im Alltag mit dem Rauchen. Nicht viel, aber es nervt dennoch. Aber das Stresslevel ist verdammt hoch und irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich endgültig aufhöre.
Trotzdem ist dann da dieses Gefühl von Versagen, dass mich im Stillen quält. Das starke, über Jahre verinnerlichte Gefühl, immer zu wenig zu sein und gleichzeitig zu viel. Ich habe oft Angst, wenn ich Autoren anschreibe, weil ich mit ihnen eine Illustration besprechen will, weil ich sie nicht nerven will. Es hat auch sehr lange gedauert, bis ich mich in unserer kleinen WhatsApp Gruppe getraut habe, mal etwas zu schreiben. Ich dachte immer, dass die mich nicht leiden können, dass ich mit meiner Art störe, zu viel schreibe. Einfach wie immer zu viel Alex bin. Ich hasse dieses Gefühl. Und bin ziemlich stolz, dass ich heute relativ relaxt schreiben kann. Auch wenn ich vor der ein oder anderen Autorin immer noch ein bisschen Schiss habe xD Nicht weil sie böse sind oder so. Ich möchte sie doch einfach nicht nerven. Oder meiner Bloggenden Gruppe – wenn ich sehr still bin, liegt es nicht daran, dass ich euch nicht schreiben will. Ich möchte euch nicht zu viel sein xD Aber ich traue mich sogar meiner Lektorin öfter zu schreiben. Der Dunkelstern Verlag hat. mir da einfach einen so sicheren Hafen geboten, dass ich mich richtig fühle. Jetzt muss ich das nur noch außerhalb des Verlags schaffen.
Inzwischen habe ich mir auch Raum geschaffen, um runterzukommen. Ich puzzle wieder und lese wieder viel. Ich versuche abzuschalten und nicht dauernd zu arbeiten.
Ich lerne gerade zu atmen. Einfach atmen.
Damit ich nicht zerbreche.
Da sind noch so viele Geschichten und die bekomme ich nur geschrieben, wenn ich die Maske ablege und auf mich aufpasse.
Quellen
Zeugnisse des Autors
Eigene Erfahrungen des Autors
https://www.adxs.org/de/page/49/adhs-bei-erwachsenen
https://adhs-deutschland.de/adhs-adhs-ads/adhs
https://neuro-spectrum.ch/die-geschichte-von-adhs/
https://www.adhspedia.de/wiki/Geschichte_der_ADHS
https://adhs-deutschland.de/adhs-adhs-ads/eine-kleine-geschichte-der-adhs

Kommentar verfassen