Prolog
Cayden Jacob Smith, Domhan Ùr im Jahr 167 nach der Schlacht von Versailles
Avril McSwell musste sterben.
»Wirklich? Damit willst du beginnen? Hast wohl zu viel Charles Dickens gelesen. Wir sind hier nicht bei der Weihnachtsgeschichte. Marley war tot – so viel zum Anfang.«
Mit einem tiefen Knurren legte ich die Feder beiseite und betrachtete Fynn, Avrils schwarze Katze, die zu meiner Linken auf dem Tisch saß und mich mit ihrem Blick verurteilte. Allmählich bereute ich es, je auf diese Idee eingegangen und dem zugestimmt zu haben. Gleichzeitig brannte mir diese Geschichte schon ewig auf der Seele und ich wollte sie zu Papier bringen. Daher hob ich fragend die Schultern.
»Wie würdest du denn beginnen?«
»Am Anfang«, erwiderte sie, als wäre es das Logischste auf der Welt. War es auch. Tja, aber wo begann die Sache? Ich war mir selbst nicht sicher. Nach einer Weile rollte Fynn mit den Augen. »Unsere Geschichte beginnt an jenem Tag, als die Götter sich zerstritten. Sogar noch eher. Als nämlich die Sonnengötter ihren Kindern das ewige Leben schenkten und die Götter der Nacht oder des Chaos, es herausfanden und sich aus Wut dagegen auflehnten und einen Fluch aussprachen: Ewig leben und dennoch in den Fängen des Todes. Soll nur das Blut den Hunger stillen. Und jeder, den sie lieben, wird ergrauen und vergehen, während sie in der Zeit erstarren.«
»Der Fluch der Nacht, die Geburtsstunde der Vampire.«
Fynn nickte und ich blickte nachdenklich auf das Buch vor mir. Maruna hatte es für mein kleines Vorhaben gebunden und mir zugesichert, dass sie weitere anfertigen würde, wenn dieses vollgeschrieben war. Ein Lächeln huschte über meine Lippen, vermutlich wollte die Felidea nur selbst die Geschichte hinter der Zeit der nie enden wollenden Mitternacht erfahren.
»Als die Sonnengötter herausfanden, dass sich die anderen in ihr Geschenk einmischten, entbrannte ein Streit zwischen ihnen. Es wurden Dinge gesagt, die man nur im Zorn sagt und eigentlich nicht so meint. Sie bestanden darauf, dass sie im Recht waren und sich das Geschenk der Ewigkeit im Rahmen befand. Die Götter der Nacht hingegen, sahen darin ein Ungleichgewicht in der Welt. Und schließlich sprachen sie einen weiteren Fluch: Aus Strafe, dass sie sich in das Gefüge der Welt mischten, sollte ein Kind geboren werden. Ein Geschöpf beider Welten, dessen Geburt die Sonnengötter schwächen und dessen Wandlung sie auslöschen und die Sonne verdunkeln sollte.«
»Die Schattentänzerin.«
»Ja, und sie sollte es sein, die am Ende die Welt vernichtet oder das Gleichgewicht zurückbringt.«
»Sie sollten ihre Geschichten selbst erzählen. Meinst du nicht auch?«
»Finde ich auch. Du als Erzähler, machst daraus nur einen Bericht. Ein Sachbuch. Da schlafen die Leser nach einem Kapitel spätestens ein. Oder sie nutzen es für den Kamin.«
»Du kannst mich Mal!«
»Lass das nicht Magnus hören, nicht das er eifersüchtig wird.«
»Fynn, ich glaube, du bekommst keine eigene Sicht.«
Fynn sah empört zu mir auf. »Und wer dann? Wen willst du zu Wort kommen lassen, wenn nicht mich? Ohne mich wäre sie nie so weit gekommen!«
»Avril, Devin, Florian und meine Wenigkeit natürlich. Ach, und noch jemanden. Aber nur, wenn Avril sie findet.«
Für einen Moment starrte ich schweigend in die Ferne. Die Worte hallten in meinem Verstand wider und mit einem Mal begannen die letzten zwei Jahre einen Sinn zu ergeben. Nein. Die letzten Jahrhunderte. Schließlich tauchte ich die Feder erneut in das Tintenfass. Als ich sie raus hob, ließ ich die rote Tinte einen Moment abtropfen. Dann erst begann ich zu schreiben.
Avril McSwell musste sterben, weil die Götter sich einst zerstritten. Sie war ihr Fluch und unsere Hoffnung, die Sonne in die niemals enden wollende Mitternacht zurückzubringen und mit ihr das Gleichgewicht.
Sie ist die Schattentänzerin, und das ist ihre Geschichte.
Erstes Buch
Neònach nam bheatha
Fremd in meiner Welt
Kapitel 1 Coisiche na h-ìre – Wanderer der Schwelle
Avril Phoebe McSwell, am 04. April 332 nach Cton – ein Jahr vor der Schlacht von Versailles
»Du bist der Fluch.
Der Sonnengötter Ende.
Die immerwährende Mitternacht.
Bist nicht tot und nicht am Leben.
Tanzt durch die Schatten – Kind beider Welten.
Bist nirgendwo zu Haus.
O Schattentänzerin
Zeig uns deine Gnade.
Oder wir sind der Finsternis Opfergabe.«
Der Wind verfing sich in meinen rubinroten Haaren und zerzauste sie. Er streichelte meine Haut und hüllte mich ein, wie ein kühlendes Tuch, an einem heißen Sommertag. Vorerst hielt ich die Augen geschlossen, wagte nicht, den Moment des Übergangs zu zerstören. Die Sekunden, in denen ich aus meiner Welt in die Dunkelheit des Schlafes sank, nur um kurz darauf an einem unbekannten Ort zu erwachen – falls man es so nennen wollte. Egal welchen Namen dieser Zustand bekam, er hatte stets etwas Unheimliches und gleichsam Erleichterndes an sich.
Für eine Weile war es mir vergönnt dem Ort, den ich zuhause nannte, zu entkommen und von der Freiheit zu kosten. Das war eine der Besonderheiten, die ich an dieser Welt genoss, selbst wenn sie nicht real war: Keine Kuppel, die uns von der Außenwelt abschnitt. Und kein Verstecken. Der Nachteil: Der Wind hauchte mir sein leises Lied zu. Er sang es in jedem dieser verdammten Träume, seit zu vielen Jahren. Es klang etwas hämisch – als lachte er über meine Unwissenheit. Mit der Zeit lernte ich, ihn und seinen Singsang zu ignorieren und diese kleine Hassliebe, die mich mit diesen Träumen verband, zu verdrängen. Nur heute fiel mir das nicht so leicht. Der Rhythmus klang verändert und mehr nach einer Warnung. Oder, wenn ich meiner tiefsitzenden Angst freien Lauf ließ, wie eine Drohung. Mit betont gleichmäßigen und tiefen Atemzügen, die Augen weiterhin fest verschlossen, zwang ich mich zur Ruhe. So stand ich da und wartete, bis die Stimme des Windes verstummte und die Stille mich erneut umgarnte. Die Anspannung löste sich und ich schlug die Augen auf.
Deutlich entspannter ließ ich den Blick über das Dach schweifen, auf dem ich dieses Mal erwacht war. Eine schwarze Masse bedeckten den Stein unter meinen Füßen. Im Licht der Sonne glänzte sie wie die Oberfläche des Meeres oder wie ein Spiegel. Mit einem Lächeln streckte ich das Gesicht gen Himmel – der Sonne entgegen, die ihre warmen Strahlen auf meine Wangen warf. Um nicht geblendet zu werden, schloss ich die Augen erneut und dann wartete ich.
Mit diesen leisen Funken Hoffnung.
Mein Herz schlug schnell und fest, so dass es sich anfühlte, als wolle es aus der Brust herausspringen und am liebsten hätte ich die Hände drauf gepresst, um es daran zu hindern. Die aber waren in den Jackentaschen vergraben, wo sich meine schwitzigen Finger in den Stoff gruben. Nach einer Weile verdunkelte sich der Himmel, und wie ich die Augen öffnete, war die Sonne einem blutig roten Mond gewichen. Er war da, blieb nur die Frage: Wo?
Klar, ich hätte mich jetzt auf die mühsame Suche begeben oder weiter hier stehen können und warten, bis er zu mir kam. Doch unsere gemeinsame Zeit fühlte sich heute Nacht deutlich kürzer an. Ich durfte mir keine weitere Verzögerung erlauben. Kurzentschlossen streckte ich die Hand aus. Suchte in der Luft nach etwas Unsichtbarem, bis ich das vertraute Kribbeln in den Fingerspitzen spürte. Magie. Sie floss durch meine Adern, wie ein Strom aus flüssigem Eisen aus der Schmiede von Velora. Eilig drehte ich die Handfläche nach oben und beobachtete, wie sich dort ein feiner, dunkler Nebel bildete, aus dem eine rot leuchtende Motte heraustrat.
Ihre winzigen Füße und die zarten Härchen ihres bauschigen Körpers kitzelten auf meiner Haut, weswegen ich leicht erschauderte.
»So«, wisperte ich und die Motte, die anfing sich zu putzen, hielt mitten in der Bewegung inne. »Dann such ihn. Ich verlass‘ mich auf dich.«
Sofort spannte die Motte ihre gepuderten Flügel und stieg empor. Einen Moment lang sah ich ihr nach, ehe ich mich dem Mond zuwandte. Der leuchtende Himmelskörper wanderte über diese Welt hinweg – langsam und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, solange man ihn beobachtete. Doch drehte man sich nur einen Moment weg und sah dann wieder hin, war ein Stück gewandert. Stetig dem Ende des Traums entgegen.
Wie ich das hasste.
Während ich in Gedanken versank, flog die Motte an meinem Gesicht vorbei und ich zuckte erschrocken zusammen. Das leuchtende Geschöpf zog kleine Schleifen und schien ungeduldig zu warten, dass ich mich endlich in Bewegung setzte, und folgte. Kurz darauf hockte ich auf dem Sims und starrte hinunter auf eine menschenleere Stadt. Ein wohltuender Anblick, selbst wenn die Fenster der leerstehenden Gebäude zerbrochen waren. Dunkel, wie leere Augenhöhlen, schienen sie mir entgegenzustarren. Zu meiner Enttäuschung war von dem Mann, den ich Nacht für Nacht in diesen Träumen traf, nichts zu sehen. Ich sah auf zum Mond und legte die Stirn in tiefe, nachdenkliche Falten.
»Du bist definitiv hier«, murmelte ich zu mir selbst und trommelte mit den Fingernägeln auf dem kalten, grauen Stein. Seine Anwesenheit legte sich wie ein schwerer Mantel um meinen bebenden Körper. Sie löste eine wachsende Unruhe in mir aus. Ließ mich rastlos werden – bis ich bei ihm war.
Er war das Licht und ich die Motte, die davon angezogen wurde. Eine Gänsehaut kroch mir über die vernarbten Arme und löste eine Woge der Erregung aus. Die bröckelnden Fassaden wurden in das rötliche Licht des Mondes getaucht. Und für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus wie Blut, das an ihnen herabfloss. Ich wandte den Blick ab, atmete tief ein und wieder aus. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und die brüchigen Nägel bohrten sich in mein blasses Fleisch.
Du bist hier. Zeig dich, uns läuft die Zeit davon.
Und endlich erbarmte er sich und trat aus dem Gebäude auf der anderen Straßenseite. Lässig lehnte er sich mit dem Rücken an die Fassade und der Wind spielte in seinen blonden Haaren. Devin. Unsere Blicke trafen sich und meine Mundwinkel hoben sich. Langsam richtete ich mich auf, breitete die Arme aus und trat einen Schritt vor. Direkt über den Rand des Daches hinweg, begab ich mich in den freien Fall.
Ich war die Motte.
Er das Licht.
Der Wind verfing sich in dem weiten Rock des schwarzen Kleides, der sich daraufhin aufblähte und den Sturz verlangsamte. Unter meinen Füßen bildete sich derweil ein dunkelroter Nebel, der aufstieg, mich umhüllte. Motten formten sich daraus und trugen mich langsam zu ihm nach unten. Sobald meine Füße den dunklen Asphalt berührten, lösten sich die Tiere auf und wurden zu Funken, die am Nachthimmel verblassten. Für einen Moment sah ich ihnen nach, ehe ich mich zu ihm drehte und sein Lächeln erwiderte.
»Ich liebe es, wenn du das tust.«
»Ich weiß.« Eilig überbrückte ich die letzten Schritte zwischen uns und schlang, kaum bei ihm angekommen, die Arme um seinen Nacken. »Und, wie verbringen wir die heutige Nacht? Denk dran: Ich hab‘ Geburtstag, also muss es schön werden.«
Seine Mimik veränderte sich. Sah ich da Trauer? Ich war nicht in der Lage es zu deuten. Sein Blick wanderte gen Himmel und ich wagte nicht, ihm zu folgen. Wie weit der Mond inzwischen schon gewandert war? Ich wollte es nicht wissen. Der gequälte Ausdruck in seinen Augen verblasste und machte seinem sanften Lächeln Platz. Ich löste mich von ihm und streckte die Hand nach mir aus, die ich ohne Zögern ergriff. Im selben Moment durchflutete mich einmal mehr dieses Kribbeln. Ich schloss für einen Augenblick die Augen und dachte an den stillen Wunsch der letzten Wochen: Wäre er nur real.
Dicht gefolgt von Schuldgefühlen.
Devin war so plötzlich in meinen Träumen aufgetaucht und hatte mich von der ersten Sekunde in seinen Bann gezogen. Nicht, weil er der schöne, mysteriöse Unbekannte war, sondern wegen seiner bloßen Anwesenheit, die dafür sorgte, dass ich mich ein stückweit, wie ich selbst fühlte. Es war kaum möglich zu beschreiben und noch schwerer zu ignorieren, Dabei lebte ich draußen, in der realen Welt mit einem anderen zusammen. Dennoch genoss ich die Zeit an der Seite dieses Mannes. Mein Freund wusste sowohl von ihm wie meiner stetig wachsenden Sehnsucht. Dass ich ihn vermisste, sobald ich aufwachte.
Und von meinem schlechten Gewissen.
Nur eine Sache hatte ich ihm bislang verschwiegen.
»Woran denkst du?«
Ich öffnete die Augen und blickte tief in das Dunkelrot seiner Iriden. Tja, Devin war ein Vampir. Etwas, was ich meinem Freund lieber nicht sagte. »An nichts weiter. Lass uns losgehen, wer weiß, wann ich aufwache.«
Ich wollte los, aber er griff mein Handgelenk und zog mich zurück. Die Kälte seines Körpers kroch zu mir herüber und ich legte die Handflächen auf seine Brust. Kaum berührten die Finger die Knöpfe des schwarzen Hemdes, begann ich damit zu spielen. Er ließ es einen Augenblick zu, ehe er seine Arme um meine Taille schlang und seine Stirn an meine drückte. Sofort hörte ich auf, denn mein Herz hämmerte gegen den Brustkorb und das Atmen fiel mir zunehmend schwerer. Ein nicht enden wollendes Kribbeln zog sich unter meiner Haut entlang.
»Du wirst leider bald aufwachen. Aber bevor du gehst: Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?« Er flüsterte fast und legte seine Hand in mein Gesicht. Lächelnd sah er mich an.
»Dich zu sehen«, wisperte ich. »Und zu verstehen, wieso ich mich bei dir so sicher fühle.«
Er küsste meine Stirn. »Ich verspreche dir, dass ich alles tue, um dir diesen Wunsch zu erfüllen.«
»Devin …«
Meine Sicht verschwamm. Entsetzt presste ich mich an ihn, schlang die Arme um seinen Körper. Nein! Warum wachte ich jetzt schon auf? Derweil streichelte er mir über den Kopf und hauchte mir einen Kuss aufs Haar.
»Co-là-breith sona dhut, Avril. Happy Birthday.«
***
Mit Gewalt aus der Traumwelt gerissen, schreckte ich aus dem Schlaf und setzte mich mit einem Ruck auf. Die Wärme einer sanften Berührung verweilte einen Moment auf meiner Schulter, bis sie verblasste und ich mich schwer atmend zur Seite drehte. Ich sah in sanfte, dunkelbraune Augen, die im bläulichen Licht meiner Kristalllampe glänzten – Florian. Er sah aus, wie selbst gerade erst aufgestanden. Seine dunklen Locken fielen wirrer als sonst in seine Stirn und etwas Schlaf klebte in seinen Augenwinkeln.
Mein Freund stützte sich mit den Unterarmen auf die Rückenlehne des Sofas und sah mich einfach nur an. Wie spät war es? Und warum hatte er schon geschlafen? Ich wollte doch nur … ich warf einen Blick auf meinen Schoß, wo das Kleid lag, an dem ich abends gearbeitet hatte. Meine Lippen formten sich zu einem stummen O.
»Du bist offenbar beim Nähen eingeschlafen«, sprach er, gefolgt von einem ausgiebigen Gähnen, das Offensichtliche aus. Ich nickte langsam und sah mich nach der Uhr um. Das alte Ding hing an der Wand über dem Küchentresen und verhöhnte mich regelrecht mit ihrem gleichmäßigen Ticken, während die Zeiger zur drei wanderten. Drei Uhr morgens. Ich wiederholte das einige Male, bis die Erkenntnis in meinen müden Verstand sickerte: Es war drei Uhr morgens, des vierten Aprils 332 und ich hatte Geburtstag.
Florian streckte die Hand aus und strich mir zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. »Alles Gute zum Geburtstag, meine Schöne.«
»Danke«, erwiderte ich und wandte mich ihm lächelnd zu. Die Erinnerung an den Traum kehrte zurück und damit das schlechte Gewissen. Offenbar zu deutlich, denn sein Blick wurde ernst. »Wieder diesen Traum gehabt?« Ich nickte und starrte auf meine Hände. »So, wie du schaust, bist du diesem Mann begegnet. Ich fürchte, dass ich nicht der Erste war, der dir gratuliert?«
»Entschuldige«, murmelte ich und in meiner Kehle bildete sich ein dicker Kloß.
»Ich werde nie begreifen, warum du dich deswegen immer wieder entschuldigst.« Mit hochgezogenen Brauen sah ich ihn an, weswegen er sich seufzend von mir löste, sich umdrehte und Richtung Küche schlurfte. »Du entschuldigst dich für etwas, was du nicht beeinflussen kannst.«
Augenrollend legte ich die Handarbeit auf den Tisch, stand auf – wobei mich mein schmerzender Rücken dafür abstrafte, dass ich hier eingeschlafen war – und folgte ihm. »Ich entschuldige mich vor allem, weil ich dir weh tue.«
Er öffnete den Schrank, in dem die Gläser standen, und hielt in der Bewegung inne. Ich blieb am Tresen stehen und beobachtete jede noch so kleine Regung. Mein Herz donnerte gegen meinen Brustkorb. Schließlich nahm er zwei Gläser heraus und stellte sie auf die Arbeitsfläche. Und so locker, als wäre dies eine gewöhnliche Unterhaltung, fuhr er fort. »Wie oft muss ich dir das denn noch sagen: Du tust mir nicht damit weh, dass du jemanden gern hast. Ich wäre zwar dafür, dass du dir außerhalb deiner Träume Freunde suchst, aber das gestaltet sich ja eher schwierig.«
»Ein wenig. Und außerdem fürchte ich …«
»Außerdem weißt du«, korrigierte er mich und lächelte sanft. »Avril, ich liege im Normalfall neben dir und ab und an redest du im Schlaf. Ich weiß, dass du ihn magst, und du weißt das auch. Was mich aber interessieren würde, ist, wie er in deine Träume kommt.«
»Nicht nur du.«
»Am besten fragst du mal deine komischen Tanten.«
»Dafür müsste ich nach Velora gehen.« Der herausfordernde Ton in meiner Stimme ließ sich nur schwer verbergen und er verfehlte seine Wirkung nicht. Rian warf mir einen genervten Blick über die Schulter zu und lief zum Kühlschrank. »Ich mein ja nur. Du willst doch nicht, dass ich da hingehe.«
»Deine kleinen Sticheleien diesbezüglich kannst du dir gerne sparen«, meinte er und starrte einen Moment in den Kühlschrank. »Du weißt genau, dass ich das so nicht gesagt habe. Ich will nur nicht, dass du dabei erwischt wirst, weil du mal wieder zu leichtsinnig bist. Wann … du bist gemein. Zieh mich nicht immer damit auf.«
»Ich konnte nicht widerstehen. Verzeihst du mir?«
»Aber nur weil du Geburtstag hast. Apropos willst du noch ins Bett?«
»Schon …«
»Dann stoßen wir später an und trinken jetzt nur ein Glas Sylas?«
Ich rümpfte die Nase. Sylas war eine dickflüssige Kreation aus Wasser, Farbstoffen und künstlich gewonnenen Aromen, die mit irgendeinem Zusatzstoff dicker gemacht wurde. Es war süßlich und fühlte sich auf der Zunge seltsam sandig an – zumindest, seit ich regelmäßig meine Tanten besuchte und dort Tee und Kaffee für mich entdeckt habe. »Wasser würde mir reichen.«
»Sicher?«
»Ja, definitiv.«
»Na gut.« Er ging mit meinem Glas zur Spüle. »Nein, jetzt im Ernst: Du hast diese Träume schon seit Jahren und warst immer alleine. Und dann taucht dort ein Fremder wie aus dem Nichts auf? Das hat doch etwas zu bedeuten. Hier wirst du dafür keine Erklärung finden. Aber bitte, lass dich nicht von den Söldnern meines Vaters erwischen. Der lässt dich, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück ins Institut bringen.«
Ein Schaudern zog sich durch meinen Körper. »Wir passen auf. Keine Sorge.«
»Wir?«
»Ich werde Fynn mitnehmen.«
»Ah. Gut, mit ihr an deiner Seite bist du tatsächlich etwas mehr auf der Hut. Keine Ahnung wie diese Katze das anstellt.«
»Sie ist auffallend genug. Gibt ja nicht so viele Tiere hier. Da muss ich umso vorsichtiger sein.«
Ich verfiel in ein nachdenkliches Schweigen und malte mit dem Finger Kreise auf dem Tresen. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen. Schließlich trat er zu mir und stellte mein Wasser hin. Dann legte er seine Hand in meinen Nacken und zog mich sanft an sich heran, um seine Stirn an meine zu legen. Wie ich so in seine liebevollen Augen sah, schien mir eine Last von den Schultern zu fallen. Eines seiner heimlichen Talente. »Avril«, wisperte er und ein Schauer jagte über meinen Rücken. »Es ist egal, was dieser Fremde bedeutet und was du für ihn fühlst. Und weißt du auch warum?«
Ich schüttelte den Kopf leicht.
»Weil wir alles hinbekommen. Das war früher schon so und wird immer so sein. Solange du und ich zusammenhalten, schaffen wir das. Solange wir einander vertrauen, kann sich nichts und niemand zwischen uns drängen.«
»Selbst meine Gefühle für einen … Traummann nicht?«
Er lachte leise und küsste meine Nasenspitze. »Nein, selbst deine Gefühle für einen Traummann nicht. Zumal ich mir sicher bin: Ich war schon lange vor ihm dein Traummann.«
Jetzt musste ich auch lachen, bis sich unsere Lippen berührten und unser Lachen in einem innigen Kuss versickerte und erstarb.
***
Die Strahlen der Sonne, die durch das Fenster ins Schlafzimmer fielen, kitzelten meine Nase und trieben die letzten Reste des Schlafes fort. Gähnend öffnete ich die Augen und betrachtete den leeren Platz neben mir. Rians Seite war gemacht. Kissen aufgeschüttelt, Decke ordentlich gefaltet und perfekt glattgestrichen. Ich schmunzelte. Typisch Florian. Gähnend drehte ich mich auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen. Nur einen Augenblick den Duft von frisch gebrühtem Kaffee ignorierend. Nur fünf Minuten, mehr wollte ich gar nicht. Aber der Kaffeeduft war zu aufdringlich und meine morgendlichen Bedürfnisse fielen mir einmal mehr in den Rücken. Murrend setzte ich mich auf und fuhr mir gähnend mit den Händen durch die Haare. Dabei lösten sich schmerzhaft einige Knoten.
»Du bist der Fluch.
Der Sonnengötter Ende.
Die immerwährende Mitternacht.
Bist nicht tot und nicht am Leben.
Tanzt durch die Schatten – du Kind beider Welten.
Bist nirgendwo zu Haus.
O Schattentänzerin
Zeig uns deine Gnade.
Oder wir sind der Finsternis Opfergabe.«
Mit den Fingern in den Haaren, hielt ich mitten in der Bewegung inne und lauschte. Das Lied aus meinem Traum? Aber, wie war das möglich? Vorsichtig schob ich mich zum Bettrand und verließ die Wärme der Decke. Ich trat ans Fenster, sah hinaus auf die Straße, wo eine Frau stand. Wind spielte in ihren langen, rotblonden Haaren und sie sah direkt zu mir hinauf. Eilig machte ich mich am Fenster zu schaffen und öffnete es. Doch als ich wieder nach unten schaute, war sie verschwunden.
»Seltsam.«
Ich beugte mich nach draußen, aber sie war nirgendwo zu sehen und es brachte mir nichts, wenn ich jetzt darüber grübelte. Wenigstens war ich dank ihr wach. Wenig später verschwand ich im Badezimmer.
***
Frisch geduscht stieg ich die Treppe runter. Wenn ich leise war und den knarzenden Stellen der alten Holzstufen auswich, hörte ich das Blättern der Zeitung, die er jeden Morgen in aller Seelenruhe las. Als gäbe es etwas Neues in der Welt. Ich hingegen, hatte die Hoffnung auf Veränderung fast aufgegeben und mied den Blick in die Artikel. Doch an der Wohnzimmertür angekommen, bot sich mir ein absurder Anblick.
Florian saß wie gewohnt am Esstisch, trank seinen Keron – ein dunkles Getränk, das mich an den Kaffee oder Tee aus Velora erinnerte, aber fast nach nichts schmeckte. Immerhin vertrieb es die Müdigkeit für eine Weile. Ich riss den Blick von der Tasse los und sah, wie er seine Brille nach oben schob. Alles wie jeden Morgen, ehe er zur Arbeit fuhr. Nur eine Sache war neu: Auf dem Stuhl neben ihm saß Fynn, meine Katze, und las ebenfalls in einem Teil der Zeitung. Na ja, die Blätter lagen vor ihr auf dem Tisch und sie saß erhöht auf einem Berg aus Sofakissen, um entspannt draufschauen zu können. Ob sie las, vermochte ich von hier aus nicht abzuschätzen. Mit hochgezogener Braue trat ich ein.
»Ernsthaft Rian, du hast Fynn eine Zeitung gegeben?«
Langsam ließ er seinen Anteil sinken, schob die Brille erneut zurecht und nickte. »Die starrt einen immer so vorwurfsvoll an, wenn man liest. Als ob sie einem sagen will, dass man ihr gefälligst auch was geben soll. Also hab ich das jetzt gemacht, damit ich meine Ruhe habe.«
Ich nickte verständnisvoll und warf Fynn einen mahnenden Blick zu, die daraufhin Löcher in die Luft starrte. »Und blätterst du ihr auch um?«
»Klar. Alle fünf Minuten. Gerade ist sie beim Sportteil. Davor war es Wirtschaft.«
»Ah ja. Und Fynn, passiert etwas Spannendes in der Welt?« Die schwarze Katze zuckte zusammen und funkelte mich an. Eilig wandte ich mich wieder an Rian. »Also, du hast Keron gemacht? Hoffentlich in meiner Stärke. Dein Wasser bekomme ich morgens nicht runter.«
»Habe zwei Kannen gepresst. Von deinem bekomme ich irgendwann einen Herzinfarkt. Der Starke ist in der rechts.«
»Clever.« Ich eilte in die offene Küche, die direkt ans Wohnzimmer anschloss, und goss mir die dunkle Brühe aus der Presse in meine Lieblingstasse, weiße Keramik, deren Rand aussah, als liefe Blut daran herab. Die hatte ich vor vier Jahren selbst getöpfert. Ein Hobby, das ich danach schnell wieder aufgab, weil dies das einzige Stück war, das damals gelang. Nachdenklich betrachtete ich die Tasse, wobei ich sie längst nicht mehr ansah.
»Alles in Ordnung?«
Ich sah auf. »Ähm … ja, denke schon. Sag mal. Hast du vorhin auch jemanden draußen singen gehört?«
»Singen? Nein. Aber ich glaube, dass wer geweint hat. Warum fragst du?«
»Hm, ach nicht so wichtig. Vermutlich hat mich mein Traum noch etwas verfolgt. So und wie sieht der Plan heute aus? Machen wir irgendetwas?«
»Sascha hat gefragt, ob wir uns treffen.«
Ich schluckte. Natürlich hatte er das. Und selbstverständlich sagte Rian zu. Ich zwang mich zu einem Lächeln und versuchte, dass man mir den Stich nicht ansah, der sich durch mein Herz bohrte. »Ach so. Na ja, also werde ich wohl ein bisschen die Sonne genießen.«
»Du könntest ja deine Tanten besuchen.«
Zögernd trat ich ins Wohnzimmer und nippte an meinem Kaffee. »Das war also dein Ernst?«
Er legte seine Brille ab und bedachte mich mit einem gewissen Tadel in seinen Augen, weswegen ich die Lippen zu einem Schmollen verzog. Es war nicht so, dass ich mich nicht freute, ausgerechnet von ihm nach Velora geschickt zu werden. Aber wollte ich wirklich die Wahrheit über meine Träume wissen? Irgendwie behagte mir die Sache nicht so richtig.
»Avril …«
»Ich weiß. Wir müssen wissen, warum er in meinen Träumen ist.« Ich zögerte einen Moment, setzte mich ihm gegenüber an den Tisch und betrachtete schweigend die dunkle Brühe. Natürlich wollte ich Antworten und das auf mehr Fragen, als ich zählen konnte. Aber musste das denn ausgerechnet heute sein? »Es ist nur …«
»Ja?«
»Ich hätte gedacht, dass wir den Tag zusammen verbringen, weil ich doch … doch Geburtstag habe.«
Als ich aufsah, fuhr er sich mit der Hand durch die Locken und erwiderte verlegen meinen Blick. Es fiel mir verflucht schwer, ihm keinen Vorwurf zu machen, ich wusste ja, dass er mir nicht mit der Absicht weh tat. Er wollte Sascha nicht unnötig gegen mich aufbringen – wofür ich ihm durchaus dankbar war. Einmal mehr seufzte ich schwer und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Fynn mit den Augen rollte.
Mit einem Mal räusperte sich Rian, weswegen ich verwundert blinzelte. »Du hast mir gerade nicht zugehört, oder?« Mir stieg die Hitze in die Wangen. Ein Schmunzeln stahl sich in seine Mundwinkel. »Tja, dann muss ich das wohl noch einmal wiederholen – allerdings etwas weniger vorsichtig.«
»Okay, was habe ich verpasst?«
»Wir sind heute Abend mit meinem Vater verabredet. Zum Essen.« Augenblicklich entglitten mir die Gesichtszüge und er nickte entschuldigend. »Ja, ich weiß, kann mir auch eine bessere Abendbeschäftigung vorstellen. Aber er besteht darauf, dir persönlich zu deinem Ehrentag zu gratulieren.«
»Heißt, ich muss mich hübsch machen und von meiner besten Seite zeigen. Bekomme ich hin. Denke ich.«
»Wäre gut, ja. Danach gehen wir nach Hause und lassen den Abend zusammen ausklingen. Ganz romantisch, nur du und ich – na ja und Fynn.«
»Klingt gut. Damit lässt sich das definitiv ertragen. Wann triffst du dich mit Sascha?«
Sein Blick wanderte zur Uhr und er schien zu überschlagen. Letzten Endes schnaufte er und sah in seine Tasse. »Ich trinke aus und gehe dann duschen.« Mit einem Mal sah er mich verschmitzt an. »Zu schade, dass du schon duschen warst.«
Langsam griff ich nach meiner Tasse, setzte sie an die Lippen und vergoss beim Trinken einen Großteil der inzwischen kalten Plörre. »Ups, Ich muss wohl noch einmal duschen …«
Mein Freund erhob sich und hielt mir die Hand hin. »Wie tragisch.«
Als wir das Wohnzimmer verließen, hörte ich Fynn würgen und unterdrückte ein Kichern. Na, da durfte ich mir sicher nachher etwas anhören, aber jetzt wollte ich den Moment genießen. Vielleicht wurde dieser Geburtstag doch besser als bisher erwartet.
***
Rian hatte Recht. Wenn ich wissen wollte, wie Devin in meine Träume gelangte und ob das etwas Gutes oder Schlechtes war, dann blieb mir nichts anderes übrig, als meine Tanten in Velora um Rat zu fragen. Evelyn und Miranda waren zwar nicht mit mir verwandt, aber sie wussten immer Rat und halfen mir, seitdem ich das erste Mal vor siebzehn Jahren die Grenze in die kleine Hexenstadt überquerte. Was zuerst nur ein Versehen war, wurde dank ihnen schnell zu meinem Rettungsanker, wenn mir hier alles wieder zu viel wurde. Aber Rian hatte Recht, wenn er darum bat, dass ich aufpasste.
Tagsüber in der Stadt unterwegs zu sein, war für mich so schon ein heikles Unterfangen, weil jeder Schritt überwacht wurde. Ich brauchte demnach einen guten Grund. Zum Glück hatte ich meinen aktuellen Auftrag fast fertig und es fehlten nur noch wenige Stiche. Kaum das mein Freund das Haus verließ, saß ich, frischer als frisch geduscht, auf dem Sofa und beendete den Saum. Etwa eine Stunde später lag das Kleid gebügelt in einem Korb, abgedeckt mit einem Tuch. Fynn begleitete mich, blieb aber im Hintergrund. Ab und an sah ich ihren Schatten vorbeihuschen, bevor sie wieder in den Sträuchern verschwand.
Auf dem Weg zum Marktplatz begegneten mir einige Söldner, deren argwöhnischer Blick auf mir ruhte. Höflich nickend zog ich an ihnen vorüber und versuchte, so unschuldig auszusehen, wie es nur möglich war. Das Problem: Genau in diesem Moment machte ich mich strafbar. Aber ein neues Kleid mimte im Notfall die perfekte Ausrede. Hauptsache sie prüften den Korb nicht.
Ich erreichte ohne Schwierigkeiten das Geschäft von Madame Jeanne, der hiesigen Schneiderin, und trat ein. Eine kleine Glocke läutete. Hell und einladend. Auf den ersten Blick erschien der Laden leer. Aber das täuschte, denn hatte man bei Jeanne keinen Termin … Lächelnd durchquerte ich den großen Verkaufsraum und sah über den Tresen hinweg. Da lag sie, auf ihrer niedrigen Chaiselongue, auf der sie von der Tür aus nicht zu sehen war, und zeichnete. Neue Entwürfe für Kleider und Anzüge. Madame Jeanne war eine Frau, jenseits der Fünfziger, die sich ihre jugendliche Art bewahrte und lieber unkonventionelle Wege ging.
Mein Glück, denn deswegen widersetzte sie sich mit Freuden dem Gesetz. Ich räusperte mich, woraufhin sie von ihrem Entwurf aufsah.
»Ah Avril, gut, dass du da bist. Hast du das Kleid fertig?«
Ich stellte den Korb auf den Tresen und schmunzelte über ihren Akzent. Es klang jedes Mal so edel, wenn sie sprach. »Selbstverständlich. Bin heute fertig geworden.«
Sie sprang auf und eilte um den Tresen herum, nahm das Kleid heraus und ließ es durch ihre Finger gleiten. Mit geübtem Blick prüfte sie meine Arbeit und obwohl ich wusste, dass ich alles wie gefordert abgab, wuchs die Nervosität. Letztlich nickte sie.
»Wunderbar. Da wird sich meine Kundin freuen, die möchte heute Nachmittag vorbeikommen und fragen. Als hättest du das vorhergesehen.« Sie zwinkerte verschmitzt.
Lachend schüttelte ich den Kopf. »Nein, ich wollte einfach den Auftrag erledigt haben, damit Sie nicht zu lange warten.«
»Vorbildlich.« Sie seufzte. »Ich habe noch ein paar Arbeiten hier liegen. Magst du sie direkt mitnehmen?«
»Ich würde sie morgen abholen kommen. Wenn ich sie heute mitnehme, werde ich meinen Geburtstag am Ende noch mit Arbeiten verbringen.«
»Oh, alles Gute. Wie alt bist du jetzt?«
»Einundzwanzig.«
»Und, wirst du es noch einmal mit dem Antrag versuchen? Ein Jahr ist ja jetzt vergangen.«
»Ich weiß nicht. Die Arbeitserlaubnis wurde inzwischen drei Mal abgelehnt und allmählich frustriert es mehr, als dass da noch Hoffnung schlummert.«
»Verstehe ich. Anders, als das Gesetz. Du bist eine fleißige Arbeitskraft und es ist ein Trauerspiel, dass ich dich nicht offiziell einstellen darf. Egal, wir können es ja nicht ändern. Aber mein Angebot steht: Ich schreibe meiner Cousine in Rêve, dort dürfen Kreaturen wie du arbeiten, solange sie sich nichts zuschulden kommen lassen.«
Kreaturen. Ich wusste, dass sie es nicht so meinte, dass das die übliche Formulierung hier war – wenn man überhaupt über uns sprach und einmal nicht unsere Existenz leugnete. Aber dieses Wort schmerzte. Ich zwang mich zu einem Lächeln, weil Madame stets freundlich zu mir war.
»Da fängt es ja schon an: Ich war im Institut.«
»Aber das muss doch niemand wissen.«
Ich lächelte matt und schüttelte den Kopf. »Packen Sie die Sachen gerne schon in den Korb, ich hole alles morgen ab.«
»Na gut. Aber sprich mit Florian darüber. Seine Schwester ist dort doch Leiterin des Instituts.«
»Ja, ich spreche mit ihm.«
Mit einer gewissen Schwermut im Herzen verabschiedete ich mich und trat auf den Marktplatz. Es war kaum was los. Die meisten waren um diese Zeit auf Arbeit und die wenigen, die hier zum Schlendern waren, waren vor allem Senioren, die sich die Beine vertraten und Kindermädchen, die mit ihren Schützlingen die Einkäufe erledigten. Es war ein Bild, wie ich es aus Rêve nicht kannte. Als wir letztes Jahr seine Schwester besuchten, waren mir besonders die Unterschiede aufgefallen.
Allen voran, dass sich dort Hexen wie ich, nicht zu verstecken brauchten. Und sie wurden nicht als Kreaturen bezeichnet. Generell herrschte in Rêve ein völlig anderer Umgang mit Magie. Während ich sie hier vor allem spürte und wusste, dass sie sich in vielen technischen Geräten versteckte, worüber aber niemand sprach; gab es in Rêve sogar von Hexen geführte Geschäfte, in denen man Ersatzteile für seine Geräte erwerben konnte.
Außerdem waren die Familien anders. Entspannter. Bunter. Man sah nicht nur Kindermädchen, sondern ganze Familien, die Zeit miteinander verbrachten. Sie wirkten so offen und zugewandt. Hier hatte jeder seine eigene kleine Mauer um sich herum erbaut und blieb am liebsten für sich. Es wäre ein Traum gewesen, wenn wir Cölln verlassen könnten, um nach Rêve zu ziehen. Allerdings war es nicht so leicht, dort hinzuziehen. Marnie hatte uns schon lange die Hoffnung genommen, da es eine Umzugsgenehmigung des Konsuls brauchte, die explizit für die Übersiedlung nach Rêve ausgeschrieben sein musste. Und die würden wir nie von ihm bekommen.
Schweren Herzens setzte ich meinen Weg fort. Beobachtete die Menschen, für die ich nahezu unsichtbar war. Zumindest gaben sie dies vor. Doch ich spürte, wie sie mir nachsahen. Hörte das Tuscheln und Tratschen hinter meinem Rücken. Es fiel mir schwer, nicht darauf zu reagieren und stattdessen mit hoch erhobenem Haupt weiterzugehen. Aber ich musste. Einen Streit durfte ich mir auf keinen Fall erlauben. Nach einer Weile erreichte in den Park. Ich hasste diesen Weg, aber er war die schnellste Möglichkeit, um zum Hafen zu gelangen.
Der Park sah nett aus, vor allem wenn man noch nie in seinem Leben echte Pflanzen gesehen hatte. Aber da war der springende Punkt: Ich kannte die Natur. In Velora hätte es nie diese Attrappen aus gepressten Abfällen gegeben. Ich folgte dem breiten Sand- und Kiesweg. Nach einiger Zeit zog ich an einer Bank vorbei, auf der eine Frau saß. Wie jeden Tag. Die Witwe Allen-Sue. Ihr Mann war vor zwei Wochen verstorben und seitdem saß sie täglich hier im Park und starrte in die Leere. Neben ihr, ihr Mann, der bekümmert seine trauernde Frau ansah. Auch heute wieder. Im Vorbeigehen hörte ich, wie er sie darum bat gehen zu dürfen. Das sie ihn loslassen müsse.
Aber sie nahm ihn gar nicht wahr.
Ich wollte weitergehen. Es war nicht meine Angelegenheit. Trotzdem wurden meine Schritte langsamer. Sie taten mir so leid. Alle beide. Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich stellte mir vor, dass das Rian und ich wären und wie schwer es sein musste, wenn das Leben ohne den anderen nicht weiterging. Wie es für einen stehenblieb, obwohl der Rest der verdammten Welt weitermachte, als wäre nichts gewesen. Oder wie ich, aus der Totenwelt, mit ansah, wie der Mensch, den ich über alles liebte, still zerbrach.
Eine Bewegung im Augenwinkel weckte meine Aufmerksamkeit. Fynn streckte den Kopf aus einem Strauch hervor und sah mich fragend an. Keine Ahnung warum so plötzlich, doch ich verließ kurzerhand den Weg und versteckte mich bei ihr im Gebüsch, als niemand hinsah.
»Hey«, fauchte Fynn. »Was wird das?«
»Psst«, zischte ich mit dem Finger auf den Lippen. Anschließend schob ich ein paar Zweige beiseite. Die Blätter gaben keinen einen Laut von sich. Ich suchte nach der Bank und als ich sie entdeckte, atmete ich einmal tief durch. »Nur einen kleinen Moment, damit sie sich verabschieden können.«
»Avril, was hast du vor?«
Ich suchte die Luft nach einem der silbrigen Fäden ab, die ich gelegentlich sah und nutzte, wenn ich besonders starke Zauber wirkte. Eine zufällige Entdeckung, die ich gern für mich behielt, aber jetzt spielte das Versteckspiel keine Rolle. Es dauerte einen Augenblick, doch der Wind drehte und ließ im Blätterdach mehr Platz für die Sonnenstrahlen, durch die jetzt einer der dünnen Fäden glitzerte. Eilig, bevor ich ihn wieder verlor, griff ich nach ihm, schloss die Augen und sagte das Erstbeste, was mir einfiel.
»Öffne dich, Schleier zwischen den Welten. Nur einen Moment und nur für die Zwei. Auf das sie Abschied nehmen können und die Trauer ihren Lauf nimmt.«
»Avril, bist du noch zu retten? Bei Morrígan!«
Mein Herz schlug schneller und der Faden glühte. Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah die Witwe, wie sie erschrocken auf der Bank zurückwich. Ihr Mann blinzelte und als erkannte, dass sie ihn sah, griff er nach ihren Händen und redete auf sie ein. Aus ihrem Gesicht war mittlerweile der letzte Rest Farbe gewichen und fast glaubte ich, dass sie schreien würde. Leider verstand ich nicht, was er sagte, aber es verfehlte sein Ziel nicht. Sie entspannte sich plötzlich und entzog ihm eine Hand, um diese auf seine Wange zu legen.
Ihre Lippen bewegten sich. Dann sah ich nur noch ihren Rücken und wie er lächelnd nickte. Nach einer Weile stand er auf, küsste ihr ergrautes Haar und schlenderte zufrieden die Straße entlang. Direkt auf mich zu. Als auf meiner Höhe war, hielt er einen Moment inne.
»Danke«, wisperte er und lief weiter. Den Sonnenstrahlen entgegen. Ich sah ihm nach, bis er sich auflöste und verschwand. Dann ließ ich den Faden los und schloss die Augen wieder.
»Avril, was hast du gemacht?«
»Kommt drauf an, was du gesehen hast?«
»Eigentlich nichts.«
»Dann habe ich auch genau das getan: Nichts. Lass uns weitergehen.«
***
Da standen wir, am Rande der Stadt und blickten auf das nasse Grab einer Zeit, von der heute kaum Aufzeichnungen existierten. Vor uns lagen sechs Stufen, die einst zu einem der lebendigsten Viertel dieser Stadt führten. Wo sich Händler aus der ganzen Welt sammelten und nicht nur Waren mitbrachten, sondern auch Geschichten. Die wenigen Schriften dieser Zeit, berichteten von Kaschemmen, in denen raubeinige Männer und Frauen sich nach langer Fahrt auf dem Meer, ein paar Tage an Land genossen, ehe sie wieder in der Welt verschwanden. In einigen Büchern, die in der Bibliothek von Velora lagen, fand ich Geschichten über Schmuggel und dem Handel mit Schattenwesen und Menschen. Aber auch über tränenreiche Abschiede.
Ich seufzte und ließ den Blick schweifen. Heute war von all dem nichts mehr zu erahnen. Still blickte ich auf die Reste eines Traums, der die Welt wieder zusammenbringen sollte. Über zweihundert Jahre nach dem großen Sturm der Sonne, Cton, seit der Kontakt zu dem, was immer dort draußen war, zusammenbrach. Der Traum hielt wohl nicht allzu lange. Der Platz stand unter Wasser. Der Meeresspiegel war erst so gestiegen, dass mit der Zeit weite Teile des Nordens und somit auch von Berlin vom Meer verschluckt worden waren und dieser Hafen entstand. Es hörte nicht auf. Und jetzt ragten verlassene und zerfallene Gebäude aus dem Wasser. Und dahinter lagen die morschen Gerippe der Schiffe, die es nicht mehr aus dem Hafen geschafft hatten.
Der Wind zerrte an zerrissenen Segeln und Vorhängen und die Wellen schwappten bis fast an unsere Füße, nur aufgehalten von einer unsichtbaren Barriere, die bei jeder sanften Berührung des Wassers kaum merklich schillerte. Als ich Rian einmal darauf ansprach, sah er dieses Schillern nicht und manchmal fragte ich mich, ob ich mir das nur einbildete. Aber in Momenten wie diesen, wenn ich direkt davor stand, war ich mir so sicher.
»Willst du jetzt den ganzen Tag hier stehen und die Barriere anstarren?«
Vorwurfsvoll sah ich zu Fynn, die fragend meinen Blick erwiderte. »Du bist ein echter Stimmungskiller, weißt du das?«
»Ich glaube, Stimmung hattest du heute Morgen genug.«
Ich spürte, wie mein Gesicht zu glühen begann. »Fynn!«
»Was denn? Die Nummer mit dem Kaffee war echt peinlich.«
»Du kannst mich Mal.«
Meine Katze verdrehte genervt ihre gelbgrünen Augen und wandte sich wieder der Barriere zu. »Wenn du hier weiter stehen bleibst, dann werden uns die Söldner auf jeden Fall entdecken und eines sag ich dir, junge Dame, ich werde mich dann verkrümeln. So weit kommt es noch, dass man mich in dieses gottlose Institut bringt. Da wate ich lieber durch das brackige Wasser. Wobei du das auch regeln könntest … Also, falls du dich endlich entscheidest durchzugehen.«
»Ist ja gut«, erwiderte ich barsch. Fynn war meine beste Freundin, aber gelegentlich ging sie mir gehörig auf die Nerven.
Ich atmete tief ein und wieder aus, um mich zu fokussieren, während Fynn leise vor sich hin brummte. Diesen Schutzwall zu durchbrechen, stellte jedes Mal aufs Neue meine Vernunft in Frage. Es gab ihn ja nicht ohne Grund, er sollte uns beschützen, vor den Stürmen und der Hitze. Genau wie die Mauer, die den Rest der Stadt von den Outlands trennte. Wobei die wohl eher dazu diente uns von dem Elend im Süden abzuschirmen. Ich seufzte – noch so ein trister Gedanke, der meine Stimmung nur weiter gen Boden drückte und in den Fluten vor mir ertränkte. Eilig, bevor ich mich tiefer hineinmanövrierte, sah ich mich noch einmal genau um.
Um diese Uhrzeit waren die meisten Anwohner der Stadt eher im Zentrum unterwegs. Dadurch lagen die Viertel am Rand wie verlassen da. Trotzdem – sicher war sicher. Zwischen den Häusern schien sich nichts zu regen, ebenso wenig in den Fenstern. Also wand ich mich wieder der Barriere zu und berührte sie vorsichtig mit der flachen Hand. Sofort kitzelte es unter der Haut, weswegen mir ein Lachen entrutschte. Zu laut. Erschrocken sah ich mich um, aber es blieb alles ruhig. Ein Glück. Eilig, bevor ich mich noch verriet, legte ich die Hand wieder auf die unsichtbare Fläche. Einmal tief durchatmen, Augen zu und durch.
Schon stand ich auf der anderen Seite und spürte, wie sich Fynn an meine Beine schmiegte. Ihr Körper vibrierte und sie schüttelte im Wechsel ihre nassen Pfoten, als könne sie damit das Wasser loswerden. Salzige Luft schlug mir entgegen. Sie war feucht und warm, aber kühler, als im Süden des Landes – ein plötzlicher Schauder zog sich durch meinen Körper und ich sah nach unten. Ich stand auf einer Stufe, mitten im Wasser. Es reichte mir knapp über die Sohlen und lief allmählich in meine Schuhe hinein. Es war warm und kalt zugleich und ließ mich jedes Mal aufs Neue erschaudern.
Meine Katze stand noch eine Stufe höher und starrte angewidert auf das dreckige Wasser. In schwachen Wellen schwappte es gegen ihren Bauch und ich sah ihr an, wie sehr sie diesen Teil des Weges hasste. Aber sie war zu stolz, um sich tragen zu lassen. Lieber schwamm sie durch das dunkle Wasser, während ich kopfschüttelnd weiterwatete. Erst die nächsten Stufen nach unten. Bis ich fast knietief im Wasser stand und somit auf dem großen Hafenplatz.
Schweigend schob ich mich weiter, stets darauf achtend, dass Fynn nicht plötzlich zwischen Treibgut und Algen verschwand. Schließlich verließen wir die geflutete Hauptstraße. Immer mehr Zeug trieb an uns vorbei. Alte Spielsachen, morsches Holz. Aber auch Töpfe und die Kadaver verendeter Tiere. Nein, trinken sollte man das Wasser auf keinen Fall. Und eine Dusche war nachher zwingend notwendig. Vor allem bei dem fauligen Geruch, den jeder Schritt aufwirbelte. Besorgt sah ich zu Fynn, die angestrengt den Kopf hochhielt und paddelte.
»Ich könnte dich auch …«
»Ich … schwimme … gern … danke.«
Ich schüttelte den Kopf und schob ihr ein entgegenschwimmendes Brett hin. »Komm, du Sturkopf, ich schiebe dich durchs Wasser.« Widerwillig kletterte sie auf das nasse Holz und schüttelte sich, so dass das dreckige Wasser nur so umherspritzte und ich mir den Arm vor das Gesicht hielt. Als sie fertig war, nahm ich ihn wieder runter und sah sie vorwurfsvoll an. »Das war unnötig!«
»Wenn du einfach zaubern würdest, wäre ich gar nicht erst nass geworden.«
Ich rümpfte die Nase und schob sie weiter. Ganz unrecht hatte Fynn nicht, aber bei der Menge Wasser? Das traute ich mir nicht zu. Vor allem nicht nach dem Zauber im Park. Es konnte einiges schiefgehen und darauf verzichtete ich lieber. Mittlerweile brannten die glühend heißen Strahlen der Sonne erbarmungslos auf meiner hellen Haut, weswegen ich versuchte, im Schatten der Ruinen zu bleiben. Gelegentlich erinnerte ich mich an den Traum von letzter Nacht und stellte mir diesen Ort so vor, wie dort.
Mit diesen grauen, trostlosen Kästen, die sich über mehrere Etagen hoch gen Himmel streckten. Wie sie sich aneinanderreihten und dafür sorge trugen, dass wir uns winzig klein fühlten. Angeblich sah es mal genauso hier aus. Vor über dreihundert Jahren. Vor Cton. Vor dem großen Zusammenbruch dieser Welt.
Still stieg ich über die Überreste einer Mauer, und ließ mich auf der anderen Seite wieder ins Wasser fallen. Auf der anderen Seite angekommen, wartete ich einen Moment und suchte schon einmal nach einem neuen Brett. Es platschte laut und als ich hochsah, saß Fynn bereits auf der Mauer und sah erwartungsvoll zu mir runter. Sie tropfte noch ein bisschen mehr. Ich presste die Lippen aufeinander, was aber nicht gegen das Zucken half, das sie zu einem Grinsen formen wollte.
»Soll ich hier oben versauern?«
»Entschuldige.« Eilig griff ich das Erstbeste, was mir entgegentrieb. Es stellte sich als großer, eingebeulter und verrosteter Eimer heraus, der aber dennoch seinen Nutzen erfüllte. Grinsend deutete ich hinein. »So, Eure Tropfigkeit.«
»Ach sei still!«, fauchte sie von oben und sprang in den Eimer. Mit Mühe hielt ich ihn über Wasser, konnte aber nicht verhindern, dass ein kleiner Schwall hinein schwappte. Fynn protestierte lauthals, doch ich wollte nur noch weiter.
Gerade als ich mich umdrehte, wurden die Wellen stärker und drückten uns unerwartet gegen die Mauer hinter mir. Die Luft um mich herum war abrupt abgekühlt, weswegen ich nach oben blickte. Dunkle Wolken schoben sich über die Stadt hinweg.
»Na jetzt sollte ich aber echt hinmachen. In einen Sturm wollte ich nicht unbedingt geraten.«
»Dann sieh zu!«
Eilig schob ich mich samt Eimer weiter, langsamer, da der Widerstand des Wassers wuchs. Als wollte das Meer mich daran hindern, nach Velora zu gehen. Aber es war nicht mehr weit. Da vorne, in der nächsten Seitenstraße, lag bereits die zweitere Barriere, die uns vom Ziel trennte. Einen kleinen Unterschied gab es aber: Auf der anderen Seite lag eine Stadt, die voller Leben, Wärme und … Hexen war. Mein Herz schlug schneller und das Grinsen zog sich gefühlt bis zu den Ohren und noch viel weiter. Fast da. Nur wenige Meter, bis ich mein geliebtes Velora erreichte und zaubern durfte, ohne diese Angst erwischt zu werden.
Ich bog in die Seitenstraße ein, betrat eines der Gebäude, wo mich eine weitere Treppe so tief runter führte, dass ich den Rest des Weges schwamm. Da ich den Eimer nicht mitnehmen konnte, kletterte Fynn zuvor heraus und setzte sich auf meinen Rücken. Was den Weg nicht erleichterte. Ich hätte doch frühstücken sollen.
Stets darauf bedacht, nicht von Treibgut getroffen zu werden, kämpfte ich mich vorwärts. Meine Arme schmerzten durch die Kälte und das Gewicht der nassen Sachen zog mich runter. Von dem Geruch fing ich lieber gar nicht erst an. Es war auch gar nicht so leicht zu verhindern, dass ich Wasser in den Mund bekam. Meine Lippen waren nass und innerlich fluchte ich über diesen Weg – jedes Mal aufs Neue.
Endlich war ich da. Direkt mitten im Raum schimmerte es bereits. Mein Tor nach Velora. Schwer atmend trieb ich den Rest der Strecke darauf zu, streckte die Hand aus und glitt durch eine gallertartige Barriere, nur um auf der anderen Seite, wie jedes Mal, mit einem Rums auf den Boden zu fallen.
