Buchcover mit einer großen Motte vor einem roten, geometrisch gemusterten Hintergrund und dem Titel NEVERENDING MIDNIGHT - Das Vermächtnis von Alex Pudlich

Das Vermächtnis, Band 1 der Reihe

Prolog und Kapitel 1

Prolog

Cayden Jacob Smith, Domhan Ùr im Jahr 167 nach der Schlacht von Versailles

Avril McSwell musste sterben.

»Wirklich? Damit willst du beginnen? Hast wohl zu viel Charles Dickens gelesen. Wir sind hier nicht bei der Weihnachtsgeschichte. Marley war tot – so viel zum Anfang

Mit einem tiefen Knurren legte ich die Feder beiseite und betrachtete Fynn, Avrils schwarze Katze, die zu meiner Linken auf dem Tisch saß und mich mit ihrem Blick verurteilte. Allmählich bereute ich es, je auf diese Idee eingegangen und dem zugestimmt zu haben. Gleichzeitig brannte mir diese Geschichte schon ewig auf der Seele und ich wollte sie zu Papier bringen. Daher hob ich fragend die Schultern.

»Wie würdest du denn beginnen?«

»Am Anfang«, erwiderte sie, als wäre es das Logischste auf der Welt. War es auch. Tja, aber wo begann die Sache? Ich war mir selbst nicht sicher. Nach einer Weile rollte Fynn mit den Augen. »Unsere Geschichte beginnt an jenem Tag, als die Götter sich zerstritten. Sogar noch eher. Als nämlich die Sonnengötter ihren Kindern das ewige Leben schenkten und die Götter der Nacht oder des Chaos, es herausfanden und sich aus Wut dagegen auflehnten und einen Fluch aussprachen: Ewig leben und dennoch in den Fängen des Todes. Soll nur das Blut den Hunger stillen. Und jeder, den sie lieben, wird ergrauen und vergehen, während sie in der Zeit erstarren.«

»Der Fluch der Nacht, die Geburtsstunde der Vampire.«

Fynn nickte und ich blickte nachdenklich auf das Buch vor mir. Maruna hatte es für mein kleines Vorhaben gebunden und mir zugesichert, dass sie weitere anfertigen würde, wenn dieses vollgeschrieben war. Ein Lächeln huschte über meine Lippen, vermutlich wollte die Felidea nur selbst die Geschichte hinter der Zeit der nie enden wollenden Mitternacht erfahren.

»Als die Sonnengötter herausfanden, dass sich die anderen in ihr Geschenk einmischten, entbrannte ein Streit zwischen ihnen. Es wurden Dinge gesagt, die man nur im Zorn sagt und eigentlich nicht so meint. Sie bestanden darauf, dass sie im Recht waren und sich das Geschenk der Ewigkeit im Rahmen befand. Die Götter der Nacht hingegen, sahen darin ein Ungleichgewicht in der Welt. Und schließlich sprachen sie einen weiteren Fluch: Aus Strafe, dass sie sich in das Gefüge der Welt mischten, sollte ein Kind geboren werden. Ein Geschöpf beider Welten, dessen Geburt die Sonnengötter schwächen und dessen Wandlung sie auslöschen und die Sonne verdunkeln sollte.«

»Die Schattentänzerin.«

»Ja, und sie sollte es sein, die am Ende die Welt vernichtet oder das Gleichgewicht zurückbringt.«

»Sie sollten ihre Geschichten selbst erzählen. Meinst du nicht auch?«

»Finde ich auch. Du als Erzähler, machst daraus nur einen Bericht. Ein Sachbuch. Da schlafen die Leser nach einem Kapitel spätestens ein. Oder sie nutzen es für den Kamin.«

»Du kannst mich Mal!«

»Lass das nicht Magnus hören, nicht das er eifersüchtig wird.«

»Fynn, ich glaube, du bekommst keine eigene Sicht.«

Fynn sah empört zu mir auf. »Und wer dann? Wen willst du zu Wort kommen lassen, wenn nicht mich? Ohne mich wäre sie nie so weit gekommen!«

»Avril, Devin, Florian und meine Wenigkeit natürlich. Ach, und noch jemanden. Aber nur, wenn Avril sie findet.«

Für einen Moment starrte ich schweigend in die Ferne. Die Worte hallten in meinem Verstand wider und mit einem Mal begannen die letzten zwei Jahre einen Sinn zu ergeben. Nein. Die letzten Jahrhunderte. Schließlich tauchte ich die Feder erneut in das Tintenfass. Als ich sie raus hob, ließ ich die rote Tinte einen Moment abtropfen. Dann erst begann ich zu schreiben.

Avril McSwell musste sterben, weil die Götter sich einst zerstritten. Sie war ihr Fluch und unsere Hoffnung, die Sonne in die niemals enden wollende Mitternacht zurückzubringen und mit ihr das Gleichgewicht.

Sie ist die Schattentänzerin, und das ist ihre Geschichte.

Erstes Buch

Neònach nam bheatha
Fremd in meiner Welt

1
 Coisiche na h-ìre
Wanderer der Schwelle

Avril Phoebe McSwell, am 04. April 332 nach Cton – ein Jahr vor der Schlacht von Versailles

»Du bist der Fluch.

Der Sonnengötter Ende.

Die immerwährende Mitternacht.

Bist nicht tot und nicht am Leben.

Tanzt durch die Schatten – Kind beider Welten.

Bist nirgendwo zu Haus.

O Schattentänzerin

Zeig uns deine Gnade.

Oder wir sind der Finsternis Opfergabe.«

Der Wind verfing sich in meinen rubinroten Haaren und zerzauste sie. Er streichelte meine Haut und hüllte mich ein, wie ein kühlendes Tuch, an einem heißen Sommertag. Noch hielt ich die Augen geschlossen, wagte nicht den Moment des Übergangs zu zerstören. Die Sekunden, in denen ich aus meiner Welt in die Dunkelheit des Schlafes sank, nur um kurz darauf an einem unbekannten Ort zu erwachen – falls man es so nennen wollte. Egal welchen Namen dieser Zustand bekam, er hatte stets etwas Unheimliches und gleichsam Erleichterndes an sich.

Für eine Weile war es mir vergönnt dem Ort, den ich als zuhause bezeichnete, zu entkommen und von der Freiheit zu kosten. Das war eines der Dinge, die ich an dieser Welt genoss, selbst wenn sie nicht real war: Keine Kuppel, die uns von der Außenwelt abschnitt. Und kein Verstecken. Der Nachteil: Der Wind hauchte mir sein leises Lied zu. Er sang es in jedem dieser verdammten Träume, seit zu vielen Jahren. Es klang etwas hämisch – als lachte er über meine Unwissenheit. Mit der Zeit lernte ich, ihn und seinen Singsang zu ignorieren und diese kleine Hassliebe, die mich mit diesen Träumen verband, zu verdrängen. Nur heute fiel mir das nicht so leicht. Der Rhythmus klang verändert und mehr nach einer Warnung. Vielleicht, wenn ich meiner tiefsitzenden Angst freien Lauf ließ, auch wie eine Drohung. Mit betont gleichmäßigen und tiefen Atemzügen, die Augen weiterhin fest verschlossen, zwang ich mich zur Ruhe. So stand ich da und wartete, bis die Stimme des Windes verstummte und die Stille mich erneut umgarnte. Die Anspannung löste sich und ich schlug die Augen auf.

Deutlich ruhiger ließ ich den Blick über das Dach schweifen, auf dem ich dieses Mal erwacht war. Der Stein unter meinen Füßen war mit einer schwarzen Masse bedeckt, die im Licht der Sonne glänzte und funkelte. Eine Art Beschichtung, wie ich bei einem meiner früheren Besuche gelernt hatte. Mit einem Lächeln auf den Lippen, streckte ich das Gesicht gen Himmel – der Sonne entgegen, die ihre warmen Strahlen auf meine Wangen warf. Um nicht geblendet zu werden, schloss ich die Augen erneut und dann wartete ich.

Mit diesen leisen Funken Hoffnung. Mein Herz schlug schnell und fest, so dass es sich anfühlte, als wolle es aus der Brust herausspringen und am liebsten hätte ich die Hände drauf gepresst, um es daran zu hindern. Die aber waren in den Taschen meiner Jacke vergraben, wo sich meine schwitzigen Finger in den Stoff gruben. Nach einer Weile verdunkelte sich der Himmel und als ich die Augen öffnete, war die Sonne einem blutig roten Mond gewichen. Er war also da, blieb nur die Frage: wo?

Natürlich hätte ich mich jetzt auf die Mühsame Suche begeben können. Vielleicht auch weiter hier stehen und warten, bis er zu mir kam. Doch etwas sagte mir, dass die Zeit heute Nacht deutlich kürzer war. Ich durfte mir keine weitere Verzögerung erlauben. Kurzentschlossen streckte ich die Hand aus. Suchte in der Luft nach etwas Unsichtbarem, bis ich das vertraute Kribbeln in meinen Fingerspitzen spürte. Magie. Sie floss durch meine Adern, wie ein Strom aus flüssigem Eisen aus der Schmiede von Velora. Eilig drehte ich die Handfläche nach oben und beobachtete, wie sie dort ein feiner, dunkler Nebel bildete, aus dem schließlich eine rot leuchtende Motte heraustrat.

Ihre winzigen Füße und die feinen Härchen ihres bauschigen Körpers kitzelten auf meiner Haut, weswegen ich leicht erschauderte.

»So«, wisperte ich und die Motte, die gerade damit begann, sich zu putzen, hielt mitten in der Bewegung inne – als würde sie gebannt meiner Stimme lauschen. »Dann such ihn. Ich verlass‘ mich auf dich.«

Sofort spannte die Motte ihre gepuderten Flügel und stieg empor. Einen Moment lang sah ich ihr nach, ehe ich mich dem Mond zuwendete. Der leuchtende Himmelskörper wanderte über diese Welt hinweg – ganz langsam und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, solange man ihn beobachtete. Doch drehte man sich nur einen Moment weg und sah dann wieder hin, war wieder ein Stück gewandert. Stetig dem Ende des Traums entgegen.

Wie ich das hasste.

Während ich in meinen Gedanken versank, flog die Motte an meinem Gesicht vorbei und ich zuckte erschrocken zusammen. Das leuchtende Geschöpf zog kleine Schleifen und schien ungeduldig darauf zu warten, dass ich mich endlich in Bewegung setzte, und folgte. Kurz darauf hockte ich auf dem Sims und starrte hinunter auf eine menschenleere Stadt. Ein wohltuender Anblick, selbst wenn die Fenster der leerstehenden Gebäude zerbrochen waren. Dunkel, wie leere Augenhöhlen, schienen sie mir entgegenzustarren. Zu meiner Enttäuschung, war von dem Mann, den ich Nacht für Nacht in meinen Träumen traf, nichts zu sehen. Ich sah auf zum Mond und legte die Stirn in tiefe, nachdenkliche Falten.

»Du bist definitiv hier«, murmelte ich zu mir selbst und trommelte mit den Fingernägeln auf dem kalten, grauen Stein. Ich spürte seine Anwesenheit so deutlich, wie den Wind, der in meinen Haaren spielte. Sie löste eine wachsende Unruhe in mir aus. Ließ mich rastlos werden – bis ich bei ihm war.

Er war das Licht und ich die Motte, die davon magisch angezogen wurde. Eine Gänsehaut kroch mir über die vernarbten Arme und löste eine Woge der Erregung aus. Die bröckelnden Fassaden wurden in das rötliche Licht des Mondes getaucht. Und für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde Blut an ihnen herabfließen. Ich wandte den Blick ab, atmete tief ein und wieder aus. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und die brüchigen Nägel bohrten sich in mein blasses Fleisch.

Du bist hier. Zeig dich endlich, uns läuft die Zeit davon.

Und endlich erbarmte er sich und trat aus dem Gebäude auf der anderen Straßenseite. Lässig lehnte er sich mit dem Rücken an die Fassade und der Wind spielte in seinen blonden Haaren. Devin. Unsere Blicke trafen sich und meine Mundwinkel hoben sich. Langsam richtete ich mich auf, breitete die Arme aus und trat einen Schritt vor. Direkt über den Rand des Daches hinweg, begab ich mich in den freien Fall.

Ich war die Motte.

Er das Licht.

Der Wind verfing sich in dem weiten Rock des schwarzen Kleides, der sich daraufhin aufblähte und den Sturz verlangsamte. Unter meinen Füßen bildete sich derweil ein dunkelroter Nebel, der aufstieg, mich umhüllte. Motten formten sich daraus und trugen mich langsam zu ihm nach unten. Sobald meine Füße den dunklen Asphalt berührten, lösten sich die Tiere auf und wurden zu Funken, die am Nachthimmel verblassten. Für einen Moment sah ich ihnen nach, ehe ich mich zu ihm drehte und sein Lächeln erwiderte.

»Ich liebe es, wenn du das tust.«

»Ich weiß.« Ich ging die letzten Schritte auf ihn zu. »Und, wie verbringen wir die heutige Nacht? Denk dran: Ich hab‘ Geburtstag, also muss es schön werden.«

Seine Mimik veränderte sich. Sah ich da Trauer? Ich war nicht in der Lage es zu deuten. Sein Blick wanderte gen Himmel und ich wagte nicht ihm zu folgen. Wie weit der Mond wohl schon gewandert war? Ich wollte es nicht wissen. Der gequälte Ausdruck in seinen Augen verblasste und machte seinem sanften Lächeln Platz. Er streckte die Hand nach mir aus und als ich sie ergriff, durchflutete mich einmal mehr dieses Kribbeln. Ich schloss für einen Augenblick die Augen und dachte an den stillen Wunsch der letzten Wochen: Wäre er nur real.

Dicht gefolgt von Schuldgefühlen.

Devin war vor Wochen so plötzlich in meinen Träumen aufgetaucht und hatte mich von der ersten Sekunde in seinen Bann gezogen. Nicht, weil er der schöne, mysteriöse Unbekannte war, sondern weil seine bloße Anwesenheit dafür sorgte, dass ich mich ein Stückweit, wie ich selbst fühlte. Es war schwer zu beschreiben und noch schwerer zu ignorieren, Dabei lebte ich draußen, in der realen Welt mit einem anderen zusammen. Dennoch genoss ich die Zeit an der Seite dieses Mannes. Mein Freund wusste sowohl von ihm wie auch meiner stetig wachsenden Sehnsucht. Das ich ihn vermisste, sobald ich aufwachte.

Und von meinem schlechten Gewissen.

Nur eine Sache hatte ich ihm bislang verschwiegen.

»Woran denkst du?«

Ich öffnete die Augen und blickte tief in seine dunkelroten Augen. Tja, Devin war ein Vampir. Etwas, was ich meinem Freund lieber nicht sagte. »An nichts weiter. Lass uns losgehen, wer weiß, wann ich aufwache.«

Ich wollte los, aber er griff mein Handgelenk und zog mich zurück. Die Kälte seines Körpers kroch zu mir herüber und ich legte die Handflächen auf seine Brust. Kaum berührten die Finger die Knöpfe des schwarzen Hemdes, begann ich damit zu spielen. Er ließ es einen Augenblick zu, ehe er seine Arme um meine Taille schlang und seine Stirn an meine drückte. Sofort hörte ich auf, denn mein Herz hämmerte gegen den Brustkorb und das Atmen fiel mir zunehmend schwerer. Ein nicht enden wollendes Kribbeln zog sich unter meiner Haut entlang.

»Du wirst leider bald aufwachen. Aber bevor du gehst: Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?« Er flüsterte fast und legte seine Hand in mein Gesicht. Lächelnd sah er mich an.

»Dich zu sehen«, wisperte ich. »Und zu verstehen, wieso ich mich bei dir so sicher fühle.«

Er küsste meine Stirn. »Ich verspreche dir, dass ich alles tue, um dir diesen Wunsch zu erfüllen.«

»Devin …«

Meine Sicht verschwamm. Entsetzt presste ich mich an ihn, schlang die Arme um seinen Körper. Nein! Warum wachte ich jetzt schon auf? Derweil streichelte er mir über den Kopf und hauchte mir einen Kuss aufs Haar.

»Co-Lâ Breith, Avril. Happy Birthday.«

***

Mit Gewalt aus der Traumwelt gerissen, schreckte ich aus dem Schlaf und setzte mich mit einem Ruck auf. Die Wärme einer sanften Berührung war noch einen Moment auf meiner Schulter zu spüren, bis sie verblasste und ich mich schwer atmend zur Seite drehte. Ich blickte in sanfte, dunkelbraune Augen, die im bläulichen Licht meiner Kristalllampe glänzten, – Florian. Er sah aus, als wäre er selbst gerade erst aufgestanden. Seine dunklen Locken fielen wirrer als sonst in seine Stirn und etwas Schlaf klebte noch in seinen Augenwinkeln.

Mein Freund stützte sich mit den Unterarmen auf die Rückenlehne des Sofas und sah mich einfach nur an. Wie spät war es? Und warum hatte er schon geschlafen? Ich wollte doch nur noch … ich blickte auf meinen Schoß, wo noch das Kleid lag, an dem ich abends noch gearbeitet hatte. Meine Lippen formten sich zu einem stummen O.

»Du bist offenbar beim Nähen eingeschlafen«, sprach er, gefolgt von einem ausgiebigen Gähnen, das Offensichtliche aus. Ich nickte langsam und sah mich nach der Uhr um. Das alte Ding hing an der Wand über dem Küchentresen und verhöhnte mich regelrecht mit ihrem gleichmäßigen Ticken, während die Zeiger zur drei wanderten. Drei Uhr morgens. Ich wiederholte das einige Male, bis die Erkenntnis in meinen müden Verstand sickerte: Es war drei Uhr morgens, des vierten Aprils 332 und ich hatte Geburtstag.

Florian streckte die Hand aus und strich mir zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. »Alles Gute zum Geburtstag, meine Schöne.«

»Danke«, erwiderte ich und wandte mich ihm lächelnd zu. Die Erinnerung an den Traum kehrte zurück und damit auch das schlechte Gewissen. Offenbar sehr offensichtlich, denn sein Blick wurde ernst. »Wieder diesen Traum gehabt?« Ich nickte und starrte auf meine Hände. »So wie du schaust, bist du wieder diesem Mann begegnet. Ich fürchte, dass ich nicht der Erste war, der dir gratuliert?«

»Entschuldige«, murmelte ich und in meiner Kehle bildete sich ein dicker Kloß.

»Ich werde wohl nie begreifen, warum du dich deswegen immer wieder entschuldigst.« Mit hochgezogenen Brauen sah ich ihn an, weswegen er sich seufzend von mir löste, sich umdrehte und Richtung Küche ging. »Du entschuldigst dich für etwas, was du nicht beeinflussen kannst.«

Augenrollend legte ich meine Handarbeit auf den Tisch, stand auf – wobei mich mein schmerzender Rücken dafür abstrafte, dass ich hier eingeschlafen war – und folgte ihm. »Ich entschuldige mich vor allem dafür, dass ich dir damit weh tue.«

Er öffnete bereits den Schrank, in dem die Gläser standen und hielt mitten in der Bewegung inne. Ich blieb am Tresen stehen und beobachtete jede noch so kleine Regung. Mein Herz donnerte gegen meinen Brustkorb. Schließlich nahm er zwei Gläser heraus und stellte sie auf die Arbeitsfläche. Und so locker, als wäre dies eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, fuhr er fort. »Wie oft muss ich dir das eigentlich noch sagen: Du tust mir nicht damit weh, dass du jemanden gern hast. Ich wäre zwar dafür, dass du dir vielleicht auch außerhalb deiner Träume Freunde suchst, aber das gestaltet sich ja eher als schwierig.«

»Ein wenig. Und außerdem fürchte ich …«

»Außerdem weißt du«, korrigierte er mich und lächelte sanft. »Avril, ich liege im Normalfall neben dir und ab und an redest du im Schlaf. Ich weiß, dass du ihn magst, und du weißt das auch. Was mich aber interessieren würde ist, wie er in deine Träume kommt.«

»Nicht nur du.«

»Vielleicht fragst du mal deine komischen Tanten.«

»Dafür müsste ich nach Velora gehen.« Der herausfordernde Ton in meiner Stimme ließ sich nur schwer verbergen und er verfehlte seine Wirkung nicht. Rian warf mir einen genervten Blick über die Schulter zu und ging zum Kühlschrank. »Ich mein ja nur. Du willst doch nicht, dass ich da hingehe.«

»Deine kleinen Sticheleien diesbezüglich kannst du dir gerne sparen«, meinte er und starrte einen Moment in den Kühlschrank. »Du weißt ganz genau, dass ich das so nicht gesagt habe. Ich will nur nicht, dass du dabei erwischt wirst, weil du mal wieder zu leichtsinnig bist. Wann … du bist gemein. Zieh mich nicht immer damit auf.«

»Ich konnte nicht widerstehen. Verzeihst du mir?«

»Aber nur weil du Geburtstag hast. Apropos, willst du noch ins Bett?«

»Schon …«

»Dann stoßen wir später an und trinken jetzt einfach ein Glas Sylas?«

Ich rümpfte die Nase. Sylas war eine dickflüssige Kreation aus Wasser, Farbstoffen und künstlich gewonnenen Aromen, die mit irgendeinem Zusatzstoff dicker gemacht wurde. Es war süßlich und fühlte sich auf der Zunge irgendwie sandig an – zumindest, seit ich regelmäßig meine Tanten besuchte und dort Tee und Kaffee für mich entdeckt habe. »Wasser würde mir reichen.«

»Sicher?«

»Ja, definitiv.«

»Na gut.« Er ging mit meinem Glas zur Spüle. »Nein, jetzt im Ernst: Du hast diese Träume schon seit Jahren und warst immer alleine. Und plötzlich taucht dort ein Fremder auf? Das muss doch etwas bedeuten. Hier wirst du dafür keine Erklärung finden. Aber bitte, lass dich nicht von den Söldnern meines Vaters erwischen. Der lässt dich, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück ins Institut bringen.«

Ein Schaudern zog sich durch meinen Körper. »Wir passen auf. Keine Sorge.«

»Wir?«

»Ich werde Fynn mitnehmen.«

»Ah. Gut, mit ihr an deiner Seite bist du tatsächlich etwas vorsichtiger. Keine Ahnung wie diese Katze das anstellt.«

»Sie ist auffallend genug. Gibt ja nicht so viele Tiere hier. Da muss ich umso vorsichtiger sein.«

Ich verfiel in ein nachdenkliches Schweigen und malte mit dem Finger Kreise auf dem Tresen. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen. Schließlich trat er zu mir an den Tresen und stellte mir das Wasser hin. Dann legte er seine Hand in meinen Nacken und zog mich sanft an sich heran, um seine Stirn an meine zu legen. Wie ich so in seine liebevollen Augen blickte, schien eine Last von meinen Schultern zu fallen. Eines seiner heimlichen Talente. »Avril«, wisperte er und ein Schauer jagte über meinen Rücken. »Es ist egal, was dieser Fremde bedeutet und was du für ihn fühlst. Und weißt du auch warum?«

Ich schüttelte den Kopf leicht.

»Weil wir alles hinbekommen. Das war immer so und wird immer so sein. Solange du und ich zusammenhalten, schaffen wir alles. Solange wir einander vertrauen, kann sich nichts und niemand zwischen uns drängen.«

»Selbst meine Gefühle für einen … Traummann nicht?«

Er lachte leise und küsste meine Nasenspitze. »Nein, auch nicht deine Gefühle für einen Traummann. Zumal ich mir auch sicher bin: Ich war schon lange vor ihm dein Traummann.«

Jetzt musste ich auch lachen, bis sich unsere Lippen berührten und unser Lachen in einem innigen Kuss versickerte und schließlich erstarb.

Avril

Die Strahlen der Sonne, die durch das Fenster ins Schlafzimmer fielen, kitzelten meine Nase und trieben auch die letzten Reste des Schlafes fort. Gähnend öffnete ich die Augen und betrachtete den leeren Platz neben mir. Rians Seite war gemacht. Kissen aufgeschüttelt, Decke ordentlich gefaltet und perfekt glatt gestrichen. Ich schmunzelte. Typisch Florian. Gähnend drehte ich mich auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen. Nur einen Augenblick noch den Duft von frisch gebrühtem Kaffee ignorierend. Nur fünf Minuten, mehr wollte ich gar nicht. Aber der Kaffeeduft war zu aufdringlich und meine morgendlichen Bedürfnisse fielen mir auch einmal mehr in den Rücken. Murrend setzte ich mich auf und fuhr mir gähnend mit den Händen durch die Haare. Dabei lösten sich schmerzhaft einige Knoten.

»Du bist der Fluch.

Der Sonnengötter Ende.

Die immerwährende Mitternacht.

Bist nicht tot und nicht am Leben.

Tanzt durch die Schatten – du Kind beider Welten.

Bist nirgendwo zu Haus.

O Schattentänzerin

Zeig uns deine Gnade.

Oder wir sind der Finsternis Opfergabe.«

Mit den Fingern in den Haaren, hielt ich mitten in der Bewegung inne und lauschte. Das Lied aus meinem Traum? Aber, wie war das möglich? Vorsichtig schob ich mich zum Bettrand und stand auf. Ich trat ans Fenster, blickte hinaus auf die Straße, wo eine Frau stand. Wind spielte in ihren langen, rotblonden Haaren und sie sah direkt zu mir hinauf. Eilig machte ich mich am Fenster zu schaffen und öffnete es. Doch als ich wieder nach unten schaute, war sie verschwunden.

»Seltsam.«

Ich beugte mich nach draußen, aber sie war nirgendwo zu sehen und es brachte mir nichts, wenn ich jetzt darüber grübelte. Aber immerhin war ich dank ihr wach. Wenig später verschwand ich also im Badezimmer.

***

Frisch geduscht stieg ich die Treppe runter. Wenn ich leise war und den knarzenden Stellen der alten Holzstufen auswich, hörte ich das Blättern der Zeitung, die er jeden Morgen in aller Selenruhe las. Als gäbe es etwas Neues in der Welt. Ich hingegen, hatte die Hoffnung auf Veränderung fast aufgegeben und mied den Blick in die Artikel. Doch an der Wohnzimmertür angekommen, bot sich mir ein wirklich absurder Anblick.

Florian saß wie gewohnt am Esstisch, trank seinen Keron – ein dunkles Getränk, das mich an den Kaffee oder Tee aus Velora erinnerte, aber fast nach nichts schmeckte. Immerhin vertrieb das Zeug die Müdigkeit für eine Weile.  Ich riss den Blick von der Tasse los und sah noch, wie er seine Brille nach oben schob. Alles wie jeden Morgen, ehe er zur Arbeit fuhr. Nur eine Sache war neu: Auf dem Stuhl neben ihm saß Fynn, meine Katze, und las ebenfalls in einem Teil der Zeitung. Na ja, der Teil lag vor ihr auf dem Tisch und sie saß erhöht auf einem Berg aus Sofakissen, um entspannt draufschauen zu können. Ob sie wirklich las, konnte ich von hier aus nicht abschätzen, aber das sah nach dem Sportteil aus – der, für den sie das geringste Interesse mitbrachte. Mit hochgezogener Braue trat ich ein.

»Ernsthaft Rian, du hast Fynn eine Zeitung gegeben?«

Langsam ließ er seinen Anteil sinken, schob die Brille erneut zurecht und nickte. »Die starrt einen immer so vorwurfsvoll an, wenn man liest. Als ob sie einem sagen will, dass man ihr gefälligst auch was geben soll. Also hab ich das jetzt gemacht, damit ich meine Ruhe habe.«

Ich nickte verständnisvoll und warf Fynn einen mahnenden Blick zu, die daraufhin Löcher in die Luft starrte. »Und blätterst du ihr auch um?«

»Klar. Alle fünf Minuten. Gerade ist sie beim Sportteil. Davor war es Wirtschaft.«

»Ah ja. Und Fynn, passiert etwas Spannendes in der Welt?« Die schwarze Katze zuckte zusammen und funkelte mich an. Eilig wandte ich mich wieder an meinen Freund. »Also, du hast Keron gemacht? Hoffentlich in meiner Stärke. Dein Wasser bekomme ich morgens nicht runter.«

»Habe zwei Kannen gepresst. Von deinem bekomme ich irgendwann noch einen Herzinfarkt. Der Starke ist in der rechts.«

»Clever.« Ich eilte in die offene Küche, die direkt ans Wohnzimmer anschloss, und goss mir die dunkle Brühe aus der Presse in meine Lieblingstasse, weiße Keramik, deren Rand aussah, als liefe Blut daran herab. Die hatte ich vor vier Jahren selbst getöpfert. Ein Hobby, dass ich danach schnell wieder aufgab, weil dies das einzige Stück war, das damals gelang. Nachdenklich betrachtete ich die Tasse, wobei ich sie eigentlich längst nicht mehr wirklich ansah.

»Alles in Ordnung?«

Ich sah auf. »Ähm … ja, ich denke schon. Sag mal. Hast du vorhin auch jemanden draußen singen gehört?«

»Singen? Nein. Aber ich glaube, dass jemand geweint hat. Warum fragst du?«

»Hm, ach nicht so wichtig. Vermutlich hat mich einfach mein Traum noch etwas verfolgt. So und wie sieht der Plan heute aus? Machen wir irgendetwas?«

»Sascha hat gefragt, ob wir uns treffen.«

Ich schluckte. Natürlich hatte er das. Und natürlich sagte Rian zu. Ich zwang mich zu einem Lächeln und versuchte, dass man mir den Stich nicht ansah, der sich nun durch mein Herz bohrte. »Ach so. Na ja, also werde ich wohl ein bisschen die Sonne genießen.«

»Du könntest ja deine Tanten besuchen.«

Zögernd trat ich ins Wohnzimmer und nippte an meinem Kaffee. »Das war also dein Ernst?«

Er legte seine Brille ab und bedachte mich mit einem gewissen Tadel in seinen Augen, weswegen ich die Lippen zu einem Schmollen verzog. Es war nicht so, dass ich mich nicht freute, ausgerechnet von ihm nach Velora geschickt zu werden. Aber wollte ich wirklich die Wahrheit über meine Träume wissen? Irgendwie behagte mir die Sache nicht so richtig.

»Avril …«

»Ich weiß. Wir müssen wissen, warum er in meinen Träumen ist.« Ich zögerte einen Moment, setzte mich ihm gegenüber an den Tisch und blickte schweigend in die dunkle Brühe. Natürlich wollte ich Antworten und das auf mehr Fragen, als ich zählen konnte. Aber musste das denn wirklich heute sein? »Es ist nur …«

»Ja?«

»Ich hätte gedacht, dass wir den Tag zusammen verbringen, wegen meinem Geburtstag.«

Als ich aufsah, fuhr er sich gerade mit der Hand durch die Locken und erwiderte verlegen meinen Blick. Es fiel mir verflucht schwer, ihm keinen Vorwurf zu machen, ich wusste ja, dass er das nicht mit der Absicht tat mir weh zu tun. Er wollte Sascha nicht unnötig gegen mich aufbringen – wofür ich ihm durchaus dankbar war. Einmal mehr seufzte ich schwer und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Fynn mit den Augen rollte.

Mit einem Mal räusperte sich Rian, weswegen ich verwundert blinzelte. »Du hast mir gerade nicht zugehört, oder?« Mir stieg die Hitze in die Wangen. Ein Schmunzeln stahl sich in seine Mundwinkel. »Tja, dann muss ich das wohl noch einmal wiederholen – allerdings etwas weniger vorsichtig.«

»Okay, was habe ich verpasst?«

»Wir sind heute Abend mit meinem Vater verabredet. Zum Essen.« Augenblicklich entglitten mir die Gesichtszüge und er nickte entschuldigend. »Ja, ich weiß, ich kann mir auch eine bessere Abendbeschäftigung vorstellen. Aber er besteht darauf, dir persönlich zu deinem Ehrentag zu gratulieren.«

»Heißt, ich muss mich hübsch machen und mich von meiner besten Seite zeigen. Bekomme ich hin. Denke ich.«

»Wäre gut, ja. Danach gehen wir nach Hause und lassen den Abend zusammen ausklingen. Ganz romantisch, nur du und ich – na ja und Fynn.«

»Klingt gut. Damit lässt sich der Abend definitiv ertragen. Wann triffst du dich mit Sascha?«

Sein Blick wanderte zur Uhr und er schien zu überschlagen. Schließlich schnaufte er und sah in seine Tasse. »Ich trinke noch aus und gehe dann duschen.« Mit einem Mal sah er mich verschmitzt an. »Zu schade, dass du bereits duschen warst.«

Langsam griff ich nach meiner Tasse, setzte sie an meine Lippen und vergoss beim Trinken einen Großteil der inzwischen kalten Plörre. »Ups, Ich muss wohl noch einmal duschen …«

Mein Freund erhob sich und hielt mir die Hand hin. »Wie tragisch.«

Als wir das Wohnzimmer verließen, hörte ich noch Fynn, wie sie würgte und unterdrückte ein Kichern. Na, da durfte ich mir sicher nachher noch etwas anhören, aber jetzt wollte ich den Moment genießen. Vielleicht wurde dieser Geburtstag doch besser, als bisher erwartet.