
Eine Nische, die zu kurz kommt
In diesem Text geht es um das Sub-Genre Mental Health Romance (MHR). Dementsprechend kommen auch Themen wie Depressionen oder Borderline vor.
Was ist eigentlich Mental Health Romance?
Jedes Jahr beenden 7.000 – 10.000 Menschen ihr Leben aus eigenem Antrieb und wir, als Gesellschaft, legen den Mantel des Schweigens über dieses leidige Thema „Mental Health“. Zu oft werden Betroffene belächelt oder als zu empfindlich bezeichnet und bekommen so tolle Ratschläge wie „Geh einfach mehr raus“ oder „Mach mehr Sport“ oder, und das ist einer meiner Lieblinge, „Sei doch einfach weniger traurig“.
Genau, als wäre das so einfach. Als wäre unsere Psyche etwas, was durch ein bisschen Sport wieder gekittet werden kann. Spoiler: Ist sie nicht. Aber während man hier das Thema eher stiefmütterlich behandelt, wird in den USA ganz selbstverständlich darüber geredet, geschrieben und oder in Filmen gezeigt. Und jetzt kommen wir zu dem interessanten Punkt, um den es hier in dem Artikel gehen soll: Das Buch Genre Mental Health Romance.
Im Endeffekt ist dieses Genre eine Auskopplung aus New Adult und richtet sich – in den meisten Fällen – ebenso an junge Erwachsene, die sich in einer Selbstfindungsphase befinden. Zumindest wird es so auf den gängigen Plattformen definiert. Wenn ich an dieses Genre denke, dann sehe ich als Zielgruppe jene Menschen, die in ihrem Leben nie die Hauptrolle spielen durften. Die krank sind und stets im Schatten ihrer Krankheit stehen und nicht einen Moment glänzen dürfen, ohne am Ende von diesen Schatten gepackt und in die Tiefe gezerrt zu werden. Die Liebe suchen und gleichzeitig Angst vor ihr haben.
Borderline, Depressionen, Angststörungen …
Das sind keine Lappalien. Es sind Belastungen für alle Beteiligten und gerade Menschen, die im Stadium des Erkennens sind, des Wissens um ihre Erkrankung, haben oft – nicht immer – das Gefühl eine Last zu sein, dass niemand sie wirklich lieben kann. Und dann ist da die Angst vor dem Verlassenwerden, die die Romantik im Keim ersticken kann. Und dann lesen wir Romance Bücher, wo die Protagonisten gesund sind und zwar auch ihre Probleme haben, aber doch irgendwie in die Gesellschaft reinpassen und ihre Probleme auf die Reihe bekommen, ohne daran zu zerbrechen.
Die Charaktere mit den psychischen Erkankungen, sind meistens eher die Nebencharaktere. Die Schwester. Der Bruder. Beste Freunde … und dann kommt Mental Health Romance und sagt: Hier, ihr dürft glänzen. Ihr dürft lieben. Ihr dürft kaputt sein, ohne dass jemand euch in den Hintergrund drängt. Also, Mental Health Romance ist mehr als nur ein Subgenre, dass sich hinter dem Label Contemporary oder New Adult verstecken sollte. Das Besondere: In dieser Art von Romance, wird die Liebe nicht dazu genutzt, um die Krankheit durch ein Wunder zu heilen. Sie ist eine Stütze, eine Hilfe, um vielleicht eine Therapie zu beginnen oder sie durchzustehen. Oder um zu erkennen, dass Hilfe etwas ist, was gebraucht wird und was angenommen werden darf.
Marktentwicklung
Es ist ein Kampf, gegen das Tabu, offen über unsere mentale Gesundheit – von der wir übrigens nur eine haben – zu sprechen. Wir haben in unserer Generation damit begonnen, gehen zu entsprechenden Ärzten, überwinden die Angst vor dem Telefon und fassen allen Mut zusammen und … telefonieren, um Termine auszumachen. Und diese Entwicklung schwappt halt allmählich in die Popkultur über und somit in unsere Buchwelten, die wir so inhalieren.
Dank TikTok, also vielmehr BooktTok, wird der Boom natürlich verstärkt. Bloggende und Lesende feiern die Verletzlichkeit und sogenannte Trigger-Themen, die dadurch populärer werden. Eine Entwicklung, die man durchaus kontrovers betrachten darf, aber das soll jetzt mal nicht Thema sein, weil das sonst zu sehr Richtung Dark Romance und Co. abdriftet. Halten wir fest: Tabu-Themen werden populärer und bekommen zunehmend mehr Aufmerksamkeit und das ist gut.
Generell verzeichnet das Romance Genre, vor allem New Adult und Romantasy, aktuell einen Boom. Auch wenn der ein oder andere Kritiker darüber fluchen möchte. Die jährlichen Umsatz- und Absatzsteigerungen liegen bei fast 10%. Der Umsatzstarkste Trope bei Romantasy ist übrigens Enemies to Lovers. Im Contemporary Bereich ist hingegen Fake Dating ungeschlagen. Und selbst die Zahl der deutschsprachigen Autoren dominiert mit 40% bis 50% der Top-Umsätze. Also ja, Romance und Romantasy sind so schon marktführend. Kein Wunder, das es inzwischen zum Pflichtprogramm bei den Verlagen gehört und die Romance-Hallen auf den Buchmessen gut besucht sind.
Merkst du etwas? Ich rede sehr allgemein von Romance und Romantasy, oder erwähne Contemporary und New Adult. Mental Health Romance erwähne ich in diesem Abschnitt noch nicht wirklich. Das hat einen Grund und der ist ziemlich banal: ich spreche vom Deutschen Markt.
Offiziell gibt es das Genre „Mental Health Romance“ auch auf dem US-Markt nicht und es läuft, wie hier, unter New Adult und Contemporary. Der Unterschied liegt aber in der Vermarktung und der Part ist halt einfach wichtiger, als das was am Ende als Genre auf dem Papier steht. Während die Verlage bei uns eher auf Attribute wie „emotional“, „tiefgründig“ oder „Schicksalsschlag“ setzen, wird es auf dem US-Markt viel klarer. Das Marketing ist dort einfach zielgerichteter und dadurch wirkt es, als wäre es ein offizielles Genre. Es steht als Schlagwort in den Verlagskatalogen, es wird von der Community so benannt und sogar hinten auf den Covern steht sowas wie „A Mental Health Romance“ oder entsprechende Content-Warnungen drauf. Warum? Weil es ein Verkaufsargument für die Gen Z ist.
Am Ende des Tages, fließt es aber dennoch zu den Ober-Genres rein.
Aber ein etabliertes und direkt genutztes Label.
Wenn die Mühlen wieder extra langsam mahlen
So, stellst du dir jetzt die Frage, warum das hier so anders beworben wird? Oder ist dir klar, woran das liegt? So schwer ist es ja auch gar nicht und dennoch werde ich das ausführen – einfach, weil ich das super interessant finde und du immer noch weiterliest. Ich habe zu Beginn ja erklärt, dass psychische Erkrankungen hier immer noch gerne abgetan werden. Das ist aber eigentlich ein bisschen platt und zu kurz gedacht. Es ist halt auch so, dass psychische Erkrankungen, auch wenn wir vielmehr darüber reden und sie aus der Tabu-Ecke holen, eher als privates und vor allem medizinisches Problem betrachtet werden.
Das es aber ein Thema ist, was auch Identität bedeuten kann und einen Platz in der Unterhaltungsliteratur verdient, ist noch nicht bei uns angekommen. Gleichzeitig gibt es hier auch zwei Genres, die eh alles andere von den Tischen in den Filialen verdrängen: Romantasy und natürlich Dark Romance (DR). Damit kommen wir auch zu einem anderen Punkt, bei dem DR sehr interessant ist: Das Phänomen der Zeitversetzung.
Es dauert einfach, bis Trends vom US-Markt hier ankommen. Wenn wir das mal anhand von DR betrachten, sieht man, dass das Genre erstmals 2015 im Selfpublishing auftauchte. Bis 2019 dominierte hier zulande vor allem der E-Book-Markt, ja, auch wieder wegen den Tabus. Oh Gott, jemand liest in der Bahn Dark Romance … ich muss da direkt an einen Moment in der Tram denken, als ich die Biographie von Marilyn Manson gelesen habe, das war circa 2007 oder 2008, und genau in dem Moment, als in fett formatierter, sehr auffällig platzierter Schrift, Manson von seiner Zeit bei einer Domina erzählte und beschrieben wurde, wie eine Rose in den Schaft geschoben wurde, jemand über meine Schulter hinweg mitlas und entsetzt nach Luft schnappte.
Danke.
Ich kann mir vorstellen, wie unangenehm Dark Romance in der Öffentlichkeit war. Aber zum Glück für die Leser, gab es ja dann die E-Reader.
Dann kam Haunting Adeline und BookTok und auf einmal wurden englischsprachige Originalausgaben des Genres vor allem von jungen Leser*innen nach Deutschland importiert und die Nachfrage stieg. Das ging bis 2022 und dann kam 2023 die Mainstream-Explosion und die Verlage reagierten auf die steigende Nachfrage. Es begann ein Wettrennen und eigene Imprints entstanden, die dann dazu führten, dass DR heute nicht mehr von den Tischen in den Buchhandlungen wegzudenken ist.
So … 2015 … bis 2023. Es dauert einfach.
Klar, MH war schon 2012 Thema in den Büchern. Bei Colleen Hoover zum Beispiel. Aber es war damals halt kein eigenes Label und PTBS durch Missbrauch und/oder Unfälle, waren ein dramatischer Plot-Punkt. „Love cures all“ war lange das Ding, wenn solche Themen aufgegriffen wurden. Liebe heilt halt einfach alles. Klar.
2019 fing es in den USA dann an, dass man auf Social Media vermehrt begann über mentale Gesundheit und Neurodivergenzen aufzuklären und mal das Leben damit zu zeigen. Die ersten Autor*innen in den Mainstream Verlagen begannen Charaktere mit explizit diagnostizierten, chronischen Erkrankungen zu schreiben, die während der Liebesbeziehung in Therapie waren. Als Beispiel fand ich hierfür The Charm Offensive von Alison Cochrun, wo es Zwangstörungen und Depressionen gehen soll.
Der eigentliche Boom auf dem US-Markt kam zu einer Zeit, die viele von uns zerstört hat und die die Meisten wohl am liebsten vergessen möchten. Während der Pandemie. Die Isolation, die über Monate andauerte, die dauernden Zahlen der Toten, die in den Medien so präsent waren … die Zahl psychischer Erkrankungen stiegen, vor allem bei Jugendlichen, die ihr Leben an sich vorbeiziehen sahen, ohne es leben zu dürfen. Es reichte nicht mehr, wenn Charaktere nur „ein bisschen traurig“ waren. Der Wunsch nach akurater Repräsentation wurde … ich möchte nicht sagen größer, denn ich glaube, dass der Wunsch schon lange da war, aber er wurde lauter kundgetan. Und wenn das nicht bedient wurde, dann taten die Autoren das, was wir nun einmal am besten können: sie schrieben die Geschichten, die sie selbst brauchten und wollten.
Etwa 2023 kam das auch in der Verlagswelt an. Abby Jimenez (Yours Truly mit Angststörungen) oder Kennedy Ryan (Before I Let Go mit Depressionen und Paartherapie) eroberten die New York Times Bestsellerlisten. Und zack, war MHR Marketing relevant.
Die kommerzielle Etablierung des Labels passierte hier dann 2024. Dabei leisten Selfpublisher schon seit Jahren hier wieder Pionierarbeit, vor allem bei queerer Mental Health Romance. Und natürlich haben sich auch Verlagsautor*innen zunehmend dieser Themen angenommen. Wir sind aber noch lange nicht bei diesem Marketing Ding angekommen und das ist es, worauf ich eigentlich hinaus will xD Es dauert.
Es dauerte bei Dark Romance.
Es dauerte bei New Adult.
Es dauerte … es dauert bei queerer Literatur.
Es dauert.
Es dauert.
Es dauert …
ABER WARUM?
Nur wegen den Tabus?
Nein. Das wäre ja wirklich lächerlich. Nicht überraschend, aber lächerlich. Warum es dauert ist so einfach, wie komplex.
Zum Einen der Faktor Zeit. Ich stelle mir das in etwa so vor: Auf dem US- Markt kommt ein tolles Mental Health Buch raus, amerikanische BookToker halten das Buch in die Kamera. Sie werden in unsere For You Pages gespült und wir werden neugierig. Die ersten von uns kaufen die Bücher auf englisch und halten sie in die Kamera. Das Interesse des Marktes ist geweckt und die Verlage wollen die Lizenz.
Und dann?
Ja, dann muss verhandelt werden. Lizenzverträge schließen sich nicht über Nacht. Dann braucht es eine Übersetzung, die auch noch einmal dauert. Die Übersetzung braucht auch noch ein Lektorat, ein Korrektorat, den Buchsatz … Ihr seht, das passiert alles nicht über Nacht.
Aber deutsche Autoren …
Sind auch da. Aber Lizenzen von Bestsellern, die schon Markterprobt sind …
Hier kommen wir direkt zu einem anderen Faktor, der die Sache verlangsamt: Die Buchpreisbindung.
Ja, es klingt böse und eigentlich ist das mit der Buchpreisbindung auch eine gute Sache. Aber sie sorgt dafür, dass der deutsche Buchmarkt nicht so frei rumtesten kann, wie der amerikanische. Hier ist es vorgeschrieben, dass jedes Buch überall genau gleich kosten muss und Händler nicht einfach so Rabatte geben dürfen. Der US-Markt hingegen ist komplett frei. Das hat zur Folge, dass unsere Verlage keine aggressiven Rabattaktionen starten können und deswegen keine preisgesteuerten Marktexperimente mit Nischen-Genres riskieren dürfen.
Was, wenn das Buch floppt?
Wenn das gesamte Genre floppt?
Das sind einfach Kosten, die dann verpulvert wären, wie das Geld zu Silvester. Hust. Und das wäre halt einfach nicht wirtschaftlich.
So ein Buch kostet halt auch echt nicht wenig in der Produktion. Egal ob mit oder ohne Lizenz. Egal ob es sich um einen Verlag handelt, der Vorschüsse zahlt oder einen der das nicht tut … jedes Buch kostet. Cover, Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Druck, Lagerung, Vertrieb … das wird auch durch die Inflation nicht besser. Und so ein Verlag will halt überleben und setzt deswegen eher auf bewährtes.
Klar, wir motzen darüber – vor allem auf Social Media. Wir wollen Abwechslung, was Neues und wir beschweren uns, dass immer nur dieselben Sachen auf den Markt kommen. Ja … hat schon seine Gründe. Ich glaube, man müsste da das gesamte System umkrempeln, aber das dauert auch wieder. Vor allem, weil sich dieses „Vertraute“ nicht nur bei den Verlagen finden lässt, sondern auch bei den Lesern. Cover sollen dem Genre entsprechen, damit wir es direkt zuordnen können. Wir suchen gezielt nach bestimmten Tropes, weil wir wissen, dass wir sie mögen. Und das geht immer weiter.
Wir mögen xy und greifen dementsprechend auch dazu.
Fangen wir an explizit nach MHR zu suchen und halten es in die Kamera, dann würde auf Verlagsseite zumindest dieses Risiko langsam sinken. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bücher gekauft würden, wäre ja dann höher. Deswegen ja auch lieber getestete US-Trends, als was eigenes ausprobieren.
Im Buchhandel ist es ähnlich. Wir nennen es oft traditionell oder konservativ, aber auch hier hängt ja wieder Geld dran. Es muss also eine gewisse, kritische Masse erreicht werden, damit bestimmte Tropes oder Themen auf die Tische kommen.
Und dann haben wir das Selfpublishing. Wir Autor*innen sind da. Wir schreiben uns die Themen von der Seele und entscheiden selbst, in welche Richtung alles gehen soll. Aber wir werden hier nicht gesehen. Auf dem US-Markt sind gerade die Selfpublisher absolute Trendsetter. Sie sind viel präsenter als wir. Dort werden Bücher geschrieben, lektoriert und veröffentlicht und das oft in nur wenigen Wochen. Dadurch erwischen sie halt auch den Trend und können den pushen.
Wir scheitern am Handel.
Verlage und bestimmte Verteiler halten einfach die Vormachtstellung und wir kommen da nur mit mega viel Anstrengung dran vorbei. Was mega frustrierend ist. I mean: Welchen Satz hören wir immer wieder? Richtig! Das Selfpublishing ist für Autoren, die nicht gut genug sind, um bei einem Verlag zu landen. Dabei ist es das schon lange nicht mehr. Es ist kein Plan B, es ist Freiheit. Aber diese Freiheit hat Grenzen. Und die Kraft, die wir aufbringen müssen, um an ihnen vorbeizukommen, treibt nicht Wenige in die Zwangspause oder zum Aufgeben. Trends können wir so jedenfalls nicht setzen. Oder nur schwer. Und ich fürchte, dass auch Kleinverlage ähnliche Probleme haben.
Kaufentscheidung fördert Nischen und Entwicklung
Du siehst, worauf das hinausläuft.
Zum einen: Suche explizit nach dem, was du lesen willst. Dafür musst du aber womöglich über deinen Schatten springen und bei Kleinverlagen und Selfpublishern schauen. Denn da hast du große Chancen Themen zu finden, die nicht Mainstream sind. Aber der Ruf …
Spoiler: Lass dich nicht vom Ruf abhalten 😉
Zum anderen: Klare Benennung. Wir müssen anfangen, es dem US-Markt nachzumachen und die Mental Health Romance aus dem New Adult und Contemporary rauszuholen.
Ja, ich weiß. Wir haben so schon scheiß viele Genres und Sub-Genres, wodurch wir schnell das Gefühl haben, keinen Überblick mehr zu haben. Aber die Benennung würde die Aufmerksamkeit steigern. Es würde helfen, dass Betroffene besser Geschichten finden, in denen Menschen wie sie Helden sein dürfen. Und vielleicht würde es auch helfen zu verstehen, dass diese Krankheiten da sind und nicht so schnell weggehen werden. Oder, wie man mit Menschen wie uns umgeht. Das wir manchmal selber nicht wissen, was wir gerade brauchen. Oder das wir Dinge, die wir tun oder sagen nicht böse meinen.
Dass das Genre gerade noch so krass in der Nische steckt, bietet uns halt auch eine Chance. Wir können das Genre hier noch formen und direkt dabei sein, wenn der Trend hier beginnt. Wir sind schon da, man muss uns jetzt nur finden.
Bist du dafür bereit?


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