Desmondea Crow
Eine Teeparty und ein Lostplace
Für diese Kurzgeschichte habe ich ein Einkaufszentrum in Neukölln zum Lost Place ernannt – obwohl es natürlich noch steht und gut besucht ist. Die Geschichte entstand vor etwa zehn Jahren, als ich frisch mit meinem Mann zusammen war und ihn regelmäßig von Arbeit in eben diesem Center abholte. Dabei fielen mir an einem Abend diese Schaufensterpuppen auf einer Zwischenebene auf. Die waren echt gruselig.
Teeparty des Todes
»Gibt es hier nicht mal so was wie Security?«
Luisa lehnte an dem hohen Maschendrahtzaun und lauschte skeptisch in die Nacht hinein. Alles hinter ihr war still, der Mond schien auf sie und ihre beiden Begleiter hinab und tauchte das zerfallene Gebäude, vor dem sie standen, in sein silbernes Licht. Bei dem Bau handelte es sich um ein leerstehendes Einkaufszentrum, welches mitten in einer viel besuchten Straße Berlins stand. Busse fuhren in regelmäßigen Abständen vorbei und hielten an der nahegelegenen Haltestelle und entließen einen ganzen Schwall von Passagieren.
Nathaniel, der Partner von Luisa, stand nervös vor seiner Freundin und seinem besten Freund – die Hände in den Hosentaschen vergraben, wippte er auf den Füßen vor und zurück. Kai war da deutlich entspannter. Er lehnte neben Luisa am Zaun und rauchte in aller Seelenruhe, während er die vorbeigehenden Menschen beobachtete und verfolgte, wo sie lang liefen.
»Ich denke nicht.«, sagte er nach einer Weile.
»Und da begehst du schon den ersten Fehler …«, setzte Nathaniel an.
»Ja ja, ich denke.« Kai unterbrach seinen Freund grinsend und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Aber selbst wenn dort Security lang läuft, wir sind schneller.«
Der andere schnaufte »Ja und kennen jeden Gang besser, als Leute, die hier Nacht für Nacht arbeiten. Schon klar.«
Seufzend stieß sich Luisa vom Zaun weg und lief ohne ein weiteres Wort los. Auf der belebten Straße erhielten sie eh keine Chance, einen Zugang zum Gelände zu finden und wenn doch, wäre es dumm, von dieser Seite einzusteigen – so risikofreudig war nicht einmal sie. Hinter sich hörte sie Nathaniel, der unverständlich vor sich hin brummte und sie spürte Kais Grinsen im Nacken. Wenige Augenblicke später, vernahm sie die Schritte ihrer Freunde direkt hinter sich und lächelte zufrieden.
Es klappt immer wieder, dachte sie.
Am Ende des Zauns bog sie nach links, mittlerweile lief Kai neben ihr und begutachtete im Vorbeigehen ihre Einstiegsmöglichkeiten. Je weiter sie dem Bauzaun folgten, desto weniger Menschen kamen ihnen entgegen und selbst ihr Freund entspannte sich zunehmend. Er holte auf und trottete dann rechts von Luisa. Sein Blick war auf die Umgebung fixiert, sie kannte das schon, von anderen Unternehmungen dieser Art. Die Rollen waren klar verteilt. Nathaniel, der aufmerksam blieb, damit sie nicht erwischt wurden. Mit der Zeit aber hinter jedem Geräusch eine Gefahr vermutete. Kai, der die Orte raus suchte und sich im Netz über die Gegebenheiten vor Ort belas und den Weg nach drinnen fand und dann sie selbst.
Die Fünfundzwanzigjährige schmunzelte. Sie schloss sich den Jungs immer nur an, um Fotos zu schießen. Maximal brachte sie Werkzeug oder Taschenlampen aus der WG-Werkstatt mit. Das war es dann aber schon. Trotzdem nahmen die zwei sie immer wieder mit, obwohl sie schreckhaft und tollpatschig war und öfter gerne mal mehr Krach verursachte, als sie in solchen Lost-Places brauchten.
»Hast du vielleicht noch eine …«, Luisa drehte sich zu Kai und seufzte. Dieser war bereits irgendwo neben ihr durch den Zaun gestiegen und lief jetzt auf der anderen Seite weiter. »Wann bist du rüber?«
Kai rauchte wieder entspannt. »Wie, wann bin ich rüber?«, fragte er unschuldig lächelnd und zog an seine Zigarette. Die junge Frau blieb stehen und deutete demonstrativ auf die andere Seite des Zauns. »Honey, vielleicht bin ich schon die ganze Zeit hier drüben.«
Er zwinkerte und blieb ebenfalls stehen.
»Ich glaub, da hinten ist ein Loch.«
Nathaniel hielt an und deutete auf eine Stelle, wo sich die Efeuranken an dem Draht des Zaunes hochzogen und alles überwucherten. Dort waren sie erst vor wenigen Minuten vorbei gelaufen, ohne, dass ihr etwas aufgefallen war. Stirnrunzelnd lief sie zurück und verschwand auf einmal zwischen den Ranken, nur um Sekunden später auf der anderen Seite zu stehen. Kopfschüttelnd folgte ihr Freund ihr durch das widerspenstige Gestrüpp und lief dann mit ihr zu Kai, der gegen den Zaun gelehnt wartete und rauchte. Der junge Mann schnippte seine restliche Zigarette auf die andere Seite und setzte seinen Weg fort.
»Hier gibt es wohl ein Fenster, das in die unterste Etage führt.«, erklärte er leise und näherte sich allmählich dem Gebäude. »Das ist angeblich der einzige Weg da rein, also drückt die Daumen, das wir es finden.«
*****
Die Suche nach dem Fenster erwies sich als deutlich schwieriger als erwartet. Der Platz vor dem Einkaufszentrum war vollgestellt mit Sperrmüll und Schuttbergen, von Teilen der ursprünglichen Eingänge – diese waren teilweise eingestürzt, weswegen dort kein Reinkommen war. Die Fenster, die ansonsten ins Gebäude führten, lagen zu hoch und waren außerdem mit Brettern abgedeckt, genau wie die in Bodenhöhe.
Sie stiegen schweigend über wackelige Betonklötze und anderes Gerümpel und suchten dieses eine Fenster. Diesen einen Zugang. Dabei mieden sie, wenn möglich, die Taschenlampen einzusetzen oder in zu offene Bereiche des Platzes zu ziehen, da die Gefahr aufzufallen zu groß war. Nach geraumer Zeit – sie waren schon kurz davor aufzugeben – entdeckten sie ein Brett, welches nur angelehnt zu sein schien. Die drei Freunde warfen sich vielsagende Blicke zu und nahmen das morsche Holzstück zur Seite. Dahinter fand sich tatsächlich das gesuchte Fenster.
»Okay, das war jetzt nicht sonderlich gut versteckt.«, bemerkte Kai.
»Gut genug, damit wir fast eine halbe Stunde suchen mussten.«
Kai warf seinem Freund einen genervten Blick zu, den dieser mit einem Schulterzucken erwiderte. In der Zwischenzeit leuchtete Shirley vorsichtig in die Dunkelheit hinein und schluckte. Der Boden war zwar zu erkennen, doch lag der um einiges tiefer als erwartet. Es gab ein paar Möglichkeiten hinunter zu gelangen, ohne gezwungen zu sein, ins Ungewisse runter zu springen. Direkt unter dem Fenster stand ein altes Supermarktregal, auf dem schon Schuhabdrücke zu sehen waren. Doch war es an zahlreichen Stellen gebrochen und Luisa erkannte nicht, ob es überhaupt stabil war. Ansonsten gab es an der Seite nur dünnere Rohre, an denen sie sich hinunter hangeln konnten – wenn die das Gewicht eines Menschen aushielten.
»Wollen wir das ernsthaft wagen?«, fragte sie und schaute zu ihren Begleitern. »Ich vertrau weder dem Regal, noch dem Heizungsrohr oder was das ist.«
Jetzt schob Kai sich ans Fenster, seinen schweren Rucksack zwischen sich und Nathaniel gestellt, damit dieser aufpasste. Sein Blick wanderte ebenfalls eher skeptisch über das Regal, das die junge Frau weiterhin anleuchtete. Schließlich schwang er die Beine, durch das Fenster, ins Gebäude hinein und wollte sich gerade anfangen, auf das Regal runterzulassen.
»Kai!«, zischte Luisa.
»Ich bin der Leichteste von uns und irgendwer muss es ausprobieren.«
»Taschenlampe aus und leise!«
Beide zuckten zusammen, als Nathaniel sie scharf anfauchte und sich näher an die Hauswand zurückzog. Kai zog sich wieder ein Stück nach oben und verharrte am Fenster, während Luisa die Taschenlampe ausschaltete und sich hinter ein Gebüsch drückte und lauschte. Alles war im ersten Moment totenstill, nicht einmal Passanten auf der anderen Seite des Zauns waren zu hören. Mit einem Mal knackten ein paar Äste in einiger Entfernung. Die drei hielten den Atem an und starrten eine gefühlte Ewigkeit in die Richtung, in der sie das Geräusch vermuteten. Hinter einem zerbrochenen Schrank tauchte ein Schatten auf und alle drei seufzten: Ein Fuchs.
Das Tier hob bei dem Seufzen den Kopf und starrte die Freunde einen Moment lang an und trottete dann gemütlich weiter. Die Fünfundzwanzigjährige wartete etwas, ehe sie die Taschenlampe wieder einschaltete und ins Gebäude hinein leuchtete, damit Kai was sah – ihn aufzuhalten versuchte sie jetzt gar nicht erst. Dafür bedeutete sie ihrem Freund sich neben sie zu hocken und ihn festzuhalten. Da er das eh schon vorhatte, schmunzelte er über die Geste seiner Freundin, sagte aber nichts dazu. Kurz darauf stand er auf dem Supermarktregal und teste dessen Stabilität, während die andern zwei besorgt dabei zusahen.
»Gib mir mal meinen Rucksack.«, forderte Kai den anderen dann auf.
Nathaniel hob das Monstrum an und ächzte unter dem Gewicht »Was hast du da alles drin?«
»Dies und das.« Kai nahm seine Tasche entgegen und stellte das Regal damit noch einmal mehr auf die Probe. »Hauptsächlich Spraydosen, Cola, Captain Morgan, Pfefferminztee und ein Kinder-Teeservice, aber das wiegt ja nichts. So ich glaube, ihr könnt reinkommen, das Teil scheint mehr auszuhalten als erwartet.«
»Ein Teeservice und Pfefferminztee?«, wiederholte Luisa.
»Na für unsere Teeparty.«
»Das erklärt dann, warum ich unbedingt Muffins backen sollte.«
Sie gab Kai ihre Tasche – in der sich nur die besagten Muffins, eine kleine Brechstange und Stift und Papier befanden – durchs Fenster und stieg dann vorsichtig hindurch. Das Regal schwankte kaum merklich, schien aber zu halten. Zu lange wollte die junge Frau dennoch nicht hier oben verharren. Während sich der Fünfundzwanzigjährige langsam nach einem Weg nach unten umschaute, leuchtete sie für ihren Freund den Weg aufs Regal. Dann begann der Abstieg.
*****
In dem Supermarkt herrschte absolute Finsternis, nur durchbrochen vom Licht der Taschenlampen. Hier unten, weit weg von der Straße und der Fußgängerzone, ließen sie sie angeschaltet. Der Laden lag in der untersten Etage, Kai äußerte den Wunsch, es hoch zum Kino zu schaffen – mindestens. Ihr erstes Ziel war es also, den Supermarkt zu verlassen. Dafür mussten sie sich jedoch durch ein Chaos aus umgekippten Regalen, um geschmissenen Tiefkühlanlagen und Einkaufswagen bahnen. Die Waren hatte man wohl schon bei Aufgabe des Centers komplett ausgeräumt, oder Plünderer hatten sich bedient.
Sie schlichen durch den Laden, unterbrachen mit ihren vorsichtigen Schritten die Stille um sich herum. Ein modriger Geruch lag in der Luft, dessen Ursprung vermutlich die alten Europaletten und durchweichten Pappen waren. Luisa lief etwas hinter ihren Freunden und schaute zu Boden. Ihre Kopflampe strahlte ihr helles Licht durch die Dunkelheit und warf die langen Schatten ihrer Begleiter an die Wände. Ein kalter Schauer zog sich über ihren Rücken, als sie die Schemen an der Wand sah. Ab und an wanderte ihr Blick hoch zur Decke. Einige der Deckenplatten fehlten und Kabel hingen lose aus den schwarzen Löchern.
»Leute, meint ihr, dass das Center hält?«
Sie schaute zu ihren Freunden, erhielt jedoch keine Antwort. Nur ebenso verunsicherte Blicke, welche ihr verdeutlichten, dass die beiden sich offenbar dieselbe Frage stellten. Kein beruhigender Gedanke. Schweigend lief sie weiter und stieg vorsichtig über eines der Regale. Dabei trat sie auf ein Regalbrett, das unter ihrem Fuß wegrutschte und krachend zu Boden fiel. Augenblicklich verharrten alle drei mitten in ihrer Bewegung und lauschten. Als sich auch nach einigen Minuten noch nichts regte, entspannten sie sich wieder.
»Pass etwas besser auf.«, seufzte Kai und setzte seinen Weg fort. »Ich hab keine Lust, irgendjemanden auf uns aufmerksam zu machen.«
»Ich dachte, hier ist niemand.«, bemerkte Nathaniel und grinste. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe zu seinem Kumpel, der sich rein aus Reflex – Luisa hatte ihm inzwischen zu oft ins Gesicht geleuchtet – den Arm vor die Augen hielt. »Also?«
»Selbstverständlich könnten hier auch andere Gruppen sein.«, erwiderte Kai, nahm den Arm von den Augen und verdrehte diese. »Aber es gibt keine Wachposten, falls du das meintest.«
Er lief weiter, gefolgt von dem Vierundzwanzigjährigen, der nicht überzeugt war und Luisa, die sich aus der Sache raushielt und auf ihr unverschämtes Glück baute. Im Gegensatz zu den anderen beiden, war sie noch nie von Polizei oder Ähnlichem in einem solchen Gebäude aufgegriffen worden und die Fünfundzwanzigjährige hoffte, dass das auch heute Nacht nicht passierte. Mit weiteren Besuchern konnte sie grade so noch leben – so lange diese nur auf Erkundung aus waren.
*****
Nach einer ganzen Weile erreichten die Freunde den Ausgang des Ladens. Die gläsernen Automatiktüren waren verschlossen und jemand hatte sich die Mühe gemacht, sie unten zusätzlich abzuschließen. Breit grinsend kletterten sie nacheinander durch die zerbrochenen Glastüren und ließen den Supermarkt hinter sich. Draußen vor dem Laden wurde ihnen jedoch der Weg zu den Treppen versperrt. Jemand hatte sich den Spaß erlaubt und offenbar sämtliche Einkaufswagen – abgesehen von denen, die noch drinnen lagen – nebeneinandergelegt und dann gestapelt. Jetzt blockierte ihnen diese Mauer den Weg weiter ins Center hinein.
»Scherzkekse.«, brummte Kai und fing an die Einkaufswagenmauer abzulaufen. »Wie sollen wir da jetzt bitte schön weiterkommen?«
»Ach komm,« sein Freund grinste »du findest das doch eigentlich witzig.«
»Hm, na ja schon ein bisschen.«, gab der andere widerwillig zu. »Aber um weiterzukommen ist es erst mal doof.«
Sie suchten eine Weile, ehe sie einen Wagen fanden, der nicht so extrem verkeilt in den Unteren und Nebenliegenden war. Dennoch dauerte es einige Minuten, ihn runterzuheben und das möglichst ohne Krach, anschließend kletterten sie durch die entstandene Lücke.
»Wir sollten vielleicht den Untersten hier auch noch wegräumen.« Kai und Luisa schauten Nathaniel verständnislos an. »Falls wir schnellstmöglich wieder hier lang müssen, um abzuhauen?«
Langsam klickte es bei den zwei und sie nickten heftig.
»Gute Idee.«, sagte Kai und beeilte sich den Wagen aus der Mauer raus zu schieben.
Kurz darauf schlichen sie schon weiter zu Treppe. Zu ihrer Überraschung war diese komplett freigeräumt und gut passierbar. Nicht einmal Staub lag auf den Stufen, als wäre erst vor wenigen Stunden das Reinigungspersonal durch das Kaufhaus gezogen und hätte die Böden, wie jeden Abend nach Schließung, poliert. Die drei liefen weiter, deutlich langsamer und aufmerksamer.
»Wir sollten gehen.«
Kai schüttelte den Kopf und sah die junge Frau an. »Willst du nicht wissen, wie es weiter oben aussieht?«, fragte er leise und grinste. »Das wird doch jetzt erst richtig spannend.«
»Gruselig meinst du wohl eher.«, zischte die Angesprochene zurück. »Die Treppe sieht aus, als wäre sie heute geputzt worden. Macht dir das keine Sorgen?«
»Ich finde das gerade verdammt aufregend. Aber du musst auch nicht mitkommen.« er sah sie ernst an.
»Schatz.« Nathaniel legte seine Hand auf ihre Schulter. »Möchtest du zurückgehen?«
Er sah ihr tief in die Augen und Luisa verstand seine eigentliche Frage, die, die er vor Kai nicht laut aussprach: Spürst du irgendwas? Sie schaute zu dem dritten im Bunde, der ihr die Hand hinhielt und sanft lächelte. Es gab diese Momente, in denen sie ihn am liebsten erschlagen hätte, und das war einer davon.
»Ich pass‘ auf dich auf, allein schon, weil Nate mich sonst erschlägt.«
Erneut schaute Luisa zu ihrem Freund, dessen Hand noch immer auf ihrer Schulter lag und schnaufte. Dann ergriff sie die von Kai und stieg mit ihm gemeinsam die Treppe weiter nach oben. Hinter sich konnte sie hören, wie Nathaniel seufzte, ihnen aber folgte.
Hoffentlich geht das gut, dachte sie und schluckte.
Je höher sie kamen, desto geduckter und langsamer liefen die sie. Am Ende hockten sie auf den letzten Stufen und schauten sich um. Das Mondlicht fiel durch das gläserne Kuppeldach und erhellte den gesamten Bereich. Sie schalteten die Taschenlampen aus und steckten sie fürs Erste weg. Die Passage war ebenfalls komplett aufgeräumt und offenbar auch geputzt worden. Wenn die Geschäfte nicht alle samt leer gestanden hätten, mit eingeschlagenen Glastüren und Schaufenstern – sie hätten geglaubt, dass sie nach Geschäftsschluss eingeschlossen worden waren. Hier oben war die Luft frisch und der Bereich war angenehm klimatisiert.
»Okay seid ihr bereit?«
Kai erhob sich, ohne die Antwort seiner Begleiter abzuwarten, und erklomm die letzte Stufe. Dann stand er auch schon mitten in dem großen Eingangsbereich, wo mehrere Rolltreppen in die höheren Etagen führten und man bis ganz nach oben sehen konnte. Der Mond stand mittlerweile direkt über dem Gebäude und keine Wolke wagte sich, ihn zu verdecken. Der Fünfundzwanzigjährige schaute sich weiter um.
Vor ihm, direkt gegenüber der Treppe, wo seine Freunde saßen und auf sein Zeichen warteten, führte eine Rolltreppe runter in Bekleidungsgeschäft. Daneben befand sich die nach oben. Alles noch in tadellosem Zustand, dabei stand das Gebäude seit einigen Jahren schon leer. Kai runzelte die Stirn und schaute zu seinen Freunden, die sich mittlerweile hingesetzt hatten. Luisa schien mit ihrem Smartphone beschäftigt, zumindest leuchte das Display. Er ging rüber und blickte über ihre Schulter hinweg auf das Telefon.
»Was machst du da?«, fragte er flüsternd.
»Ich versuche herauszufinden, warum das Center überhaupt geschlossen wurde.«, gab sie zurück und suchte weiter.
»Na bestimmt, weil sie pleite gegangen sind.«
»Aber alle auf einmal?« Nathaniel schaute zweifelnd zu ihm hoch. Stirnrunzelnd setzte sich sein Kumpel neben ihn und holte seine Zigaretten aus der Tasche, reichte eine weiter an die Freundin und zündete sich seine dann an.
Auf einmal stand Luisa auf und hielt das Telefon vor sich. Sie sah abwechselnd zum Eingangsbereich und auf den Bildschirm, als ob sie etwas verglich. Dann reichte sie das Smartphone an Kai weiter, steckte sich die Zigarette endlich an und rauchte. Immer wieder schaute sie sich kopfschüttelnd um, bis der Freund aufstand und Richtung Rolltreppe lief. Nate hielt ihr das Telefon hin und sah sie an.
»Jetzt ohne Witz, spürst du irgendwas?«, fragte er und klang deutlich besorgt.
Doch sie schüttelte den Kopf. »Rein gar nichts.«, antwortete die junge Frau. »Und das bereitet mir die meisten Sorgen.«
»Es könnte auch ein anderes Center gemeint sein, oder?« Kai stand an der Rolltreppe und schaute zu ihnen rüber. »Ich meine …es gibt ja genug davon in Berlin.«
»Kai, akzeptier es, irgendetwas stimmt hier nicht.«, seufzte der andere. »Das Gebäude ist damals abgebrannt und deswegen dicht gemacht worden. Aber siehst du hier irgendwelche Brandspuren?«
Sah er nicht. Keiner der drei entdeckte Spuren eines Brandes. Nur leere Geschäfte, mit eingeschlagenen Scheiben und ein unheimlicher sauberer Boden.
»Hier gibt es nicht einmal Graffiti an den Wänden.«, bemerkte Kai.
»Also,« setzte Nathaniel an und warte bis beide ihm zuhörten, »weitergehen oder abhauen und woanders rein? Vielleicht irgendwo, wo es nicht ganz so unheimlich ist.«
Luisa zuckte mit den Schultern. Inzwischen schaute sie sich auch etwas genauer um und warf einen Blick in die ehemalige Eisdiele neben der Treppe. Sogar die Metallschalen lagen noch in der Kühlvorrichtung, abgewaschen und bereit wieder befüllt zu werden. Und auch die Schilder wo die Sorten drauf standen, waren noch völlig intakt.
»Was meinst du Nate.«, Kau kam zurück und warf seine Zigarette auf den Boden. »Willst du gehen? Ich richte mich nach euch beiden und deiner Freundin scheint es egal zu sein.«
»Mir ist es nicht egal.«, warf diese ein und erkundete die Eisdiele weiter. »Ich bin nur allmählich neugierig.«
»Na jetzt sind wir schon mal hier.«, seufzte Nathaniel. »Wir können uns ja noch etwas umsehen und dann deine Teeparty machen.«
Sein Kumpel nickte. »Okay gut. Dann kommt weiter, oder hast du da was Spannendes gefunden?« Er lief rüber und schaute in den Laden hinein. Sie selbst stand hinter dem Tresen und wies auf die Auslage.
»Was darf ich dir anbieten?«, fragte sie und tat ganz professionell.
»Hm ich nehm‘ Vanille und Mango.«, antworte er und betrachtete die gut erhaltenen Schilder.
»Gut, ich kann dir aber nur noch Becher anbieten. Waffeln haben wir keine mehr – Lieferprobleme.«
»Ne dann verzichte ich.« Kai drehte sich um und ging zu Nathaniel zurück. »Eis ohne Waffel, flieh Bruder – diese Frau wird dich ins Verderben stürzen.«
*****
Die erste Etage des Einkaufszentrums war leicht zu erkunden. Der Gang links von der Treppe führte die drei zu zwei zugeschütteten oder mit Metallplatten abgeriegelten Eingängen – einer davon geleitete die Massen früher runter zur U-Bahn. Von dort aus gelangten sie jedoch in einen weiteren Gang, der parallel zu dem Bereich verlief, aus dem sie kamen. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider und durchbrachen die bedrückende Stille. Wie erwartet waren sämtliche Geschäfte leer und irgendwann aufgebrochen worden. Sonst zeugte nichts von einem Brand oder davon, dass das Gebäude schon ewig verlassen war.
Luisa schoss ein paar Fotos, derweil sammelten ihre Begleiter alle möglichen Gegenstände auf. Nach einer Weile fanden sie unten nichts mehr von Interesse. Und selbst Kai verspürte bisher keine Lust, ein paar seiner Kunstwerke an die Wände zu bringen. Sie erreichten wieder die Treppe zum Supermarkt runter und nahmen den Weg über die Rolltreppe nach oben. Wo früher einmal die Schuhgeschäfte, MediMax und das Kino waren. Sie sparten sich die Mühe, die Geschäfte zu erkunden, da sie hier das gleiche Bild vorfanden.
Sie liefen stattdessen direkt zum Kino. Alte verblasste Filmplakate hingen in den Rahmen neben der Kasse. Filme wie ›Die Muppets‹ oder ›Resident Evil 5: Retribution‹ wurden hier als Letztes gezeigt. Sofort schauten die drei, wie man an die Plakate rankam, ohne sich dabei an etwas Scharfkantigem zu verletzen. Nach einer Weile rollte jeder zufrieden ihr Exemplar ein und verstauten sie in ihren Taschen, dann verschwanden sie ins Kino.
Gerade als sie ihren Freunden folgen wollte, drehte sich Luisa jedoch noch einmal um. Auf der anderen Seite, etwa eine Etage über ihnen auf einer Plattform, standen fünf Schaufensterfiguren. Das Mondlicht tauchte sie in sein kaltes Licht und ließ ihre leeren glatten Gesichter unheimlich strahlen. An ihren weißen Körpern hingen die übrig gebliebenen Fetzen von roten Kleidern, die bestimmt einmal sehr schön gewesen waren. Die junge Frau erschauderte, drehte sich um und folgte den beiden Anderen schnell ins Kino.
Drinnen setzte sie sich wieder ihre Kopflampe auf und schaltete das Licht an, ihre Begleiter waren bereits in einem der Säle und schlichen durch die Reihen. Sie schaute sich noch einen Moment lang davor um und fand zurückgelassene Fan-Becher von Resident Evil, die sie einsteckte. Ein scharfer Pfiff ertönte. Kurz darauf betrat sie Saal 3, wo die Anderen warteten. Ihre Lichter huschten durch die Reihen und wiesen dann zur Leinwand. Beinahe andächtig schritt die Fünfundzwanzigjährige die mit rotem Teppich ausgelegten Treppenstufen nach unten und blieb hinter Kai stehen.
Dieser hatte gerade angefangen, die Teeparty aufzubauen, und stellte drei Tassen hin und in die Mitte die kleine gelbe Plastikkanne, in die er den Pfefferminztee goss. Der Duft des Tees breitete sich relativ schnell aus und überdeckte den muffigen Geruch der alten Kinosessel. Etwas entspannter setzte sich Luisa vor eine der Tassen, legte die Kopflampe beiseite und holte die Muffins aus ihrer Tasche hervor. Sie drapierte den Teller neben die Teekanne und nahm die Alufolie ab. Zum Vorschein kamen genau zwölf Mini-Schokomuffins mit weißer Kuvertüre als Überzug und kleinen Marshmellows.
»Mir scheint, ihr habt gut gebacken, werte Dame.«
Sie sah verwirrt auf und grinste, als sie sah, dass sich Kai gerade eine seiner selbstgemachten Theatermasken aufsetzte. Neben ihm lag ein alter, zerbeulter Zylinder, eine weitere Maske und eine kleinere – mit Spitze und Borte verzierte – Augenmaske. Diese reichte er ihr nun.
»Auf dieser Teegesellschaft seid Ihr unsere Alice.«
Seine Stimme wurde durch die Maske gedämpft und klang richtig düster und unheimlich. Ganz ungewohnt. Dankend nahm sie das Requisit und band es sich vor die Augen. Ihr Sichtfeld wurde nun deutlich eingeschränkt, weswegen sie froh war, das Nathaniel sich durch das Licht seiner Taschenlampe ankündigte, ansonsten hätte sie sich vermutlich jetzt halb zu Tode erschrocken. Er setzte sich neben sie, vor die zweite Tasse und nahm Hut und Maske entgegen.
»Ihr seid unser Hutmacher.«, erklärte Kai.
»Dann seid Ihr wohl der Märzhase?«, erkundigte sich Luisa rein aus Höflichkeit, da sie die Antwort bereits kannte.
»Wer wäre besser dafür geeignet, Honey?«, fragte er und setzte sich nun vor die letzte Plastiktasse und blickte in die Runde. »Nun denn, wem darf ich einschenken?«
*****
Sie saßen eine ganze Weile so vor der Leinwand und tranken Tee und unterhielten sich – stets darauf bedacht nicht aus ihrer Rolle zu fallen. Die Muffins waren relativ schnell vertilgt und als der Tee endlich alle war, gingen sie über zu Cola und Captain Morgan Rum. Gerade als sie anstoßen wollten, hörten sie ein Geräusch und erstarrten mitten in der Bewegung. Kai zog sich die Kapuze seines schwarzen Hoodies über, stand auf und trank die Tasse leer. Er bedeutete den anderen Beiden sitzen zu bleiben, aber am besten auch auszutrinken und alles wegzuräumen, was nicht mehr gebraucht wurde. Dann schlich er durch die Sitzreihen nach oben.
»Sollten wir ihm nicht folgen?«, flüsterte Luisa. Sie hatte eine Gänsehaut und fühlte sich mit einem Schlag unbehaglich, doch ihr Freund schüttelte den Kopf und beobachtete seinen Kumpel nur weiter.
Oben angekommen verließ dieser den Saal und verschwand aus ihrem Sichtfeld, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen und runter zukommen.
»Wir packen ein«, wies er die Zwei an und fing bereits an die Tassen und Becher abzutrocknen.
»Was ist los?«, wisperte Nathaniel und half beim zusammen räumen.
»Direkt vor dem Kino steht auf einmal eine Schaufensterpuppe und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die da vorher nicht stand.«
»Die Puppen standen eine Etage höher.«
Die jungen Männer sahen ihre Freundin verwundert an und erwarteten ganz offensichtlich eine Erklärung. Etwas verlegen kratzte sich Luisa am Kopf und verstaute den Teller wieder in ihrer Tasche, dann stand sie auf und schaute die beiden an.
»Ich hab die vorhin gesehen, als wir hier rein gingen. Deswegen bin ich ja erst nach euch reingekommen.«, erklärte sie schließlich flüsternd. »Die Puppen standen gegenüber vom Kino, auf einer Plattform etwa eine Etage über unserer. Aber da kommt man nicht wirklich ran, außer vielleicht mittels eines Personalwegs.«
Kai schüttelte den Kopf und stand ebenfalls auf.
»Als ich jetzt draußen war, waren da auf dieser Plattform keine Schaufensterpuppen.«, er atmete tief durch. »Nur die eine, die direkt am Geländer vor dem Eingang zum Kino stand.«
»Dann hauen wir ab.«, entschied Nathaniel. »Irgendwer scheint hier ja rum zulaufen und ich habe keine Lust herauszufinden wer.«
Mit Sack und Pack, Masken und Hut inzwischen wieder verstaut, schlichen die drei nach oben. Bei jedem noch so kleinen Geräusch blieben sie stehen und hielten den Atem an. Luisa hörte mittlerweile dauernd ihren eigenen Herzschlag, weil dies so vor Aufregung pochte. Und tatsächlich: Draußen stand die Schaufensterpuppe. Als hätte sie die Freunde erwartet. Den einen Arm in die Taille gestemmt, den anderen ausgestreckt nach unten zeigend und das leere Gesicht zu ihnen gewandt. Der Mond war weiter gewandert und der Bereich unterhalb dem Kuppeldach nur noch schwach beleuchtet, dadurch stach die weiße Puppe regelrecht aus der Dunkelheit hervor.
»Alter! Das ist echt gruselig.« Nate rieb sich die Arme und schauderte.
»Ja.«, stimmte seine Freundin ihm zu. »Vor allem weil vorhin keine der Puppen so stand.«
Ein Schaudern ging durch die kleine Gruppe, die sich schleunigst wieder in Bewegung setzte. Sie steuerten direkt auf die Rolltreppen zu, über die sie auch nach oben gekommen waren. Beim Betreten der Treppe ertönte auf einmal ein unglaublich lautes, mechanisches Geräusch und ließ alle drei erschrocken zusammen fahren. Kai, der zuerst den Fuß auf die erste Stufe gesetzt hatte, sprang zurück und fluchte.
»Was zur Hölle!«
Entsetzt starrten die Freunde auf die Rolltreppe, die sich in Gang setzte. Es handelte sich um jene, die nach oben führte und über die sie nun nicht gerade sinnvoll runter gelangten. Sie atmeten einmal tief durch – jeder innerlich kurz davor durchzudrehen – erst dann setzten sie vorsichtig einen Fuß auf die andere Rolltreppe, die ebenfalls losging und glücklicherweise nach unten fuhr. Sie nahmen sich nicht die Zeit, entspannt runterzufahren, sondern rannten. Sie rannten, laut trampelnd, die fahrenden Stufen runter und dann zur Treppe zum Supermarkt. Doch mitten auf dieser blieben sie stehen.
Unten stand eine weitere Schaufensterpuppe und schien ihnen zuzuwinken. Die drei liefen rückwärts wieder nach oben und flüchteten dann in eins der leeren Geschäfte und versteckten sich im Kassenbereich, um sich zu beratschlagen.
*****
Zwei weitere Gänge hatten sie inzwischen ausgekundschaftet – nach unten wagten sie sich nicht – und in jedem hatte sie bereits eine dieser Schaufensterfiguren erwartet. Alle in einer anderen Position. Jetzt saßen sie im ehemaligen Rossmann, hinter der Parfüm Theke und ertrugen die Melodie, die seit geraumer Zeit durch die Lautsprecher dudelte. Luisa summte inzwischen leise mit und schaute nachdenklich, während Kai und Nathaniel versuchten die Lage schön zu reden.
»Wir könnten ja einfach mal schauen, ob wir unten lang können.«, schlug Kai vor. »Nur weil diese Puppe da stand, heißt das ja nicht, gleich das dort jemand auf uns lauert.«
»Es bedeutet aber auch nicht, das der Weg sicher ist.«
»Lili Marleen!«
Die beiden zuckten erschrocken zusammen und schauten Luisa entgeistert an. Diese strahlte über das ganze Gesicht und freute sich, die Melodie endlich erkannt zu haben. Es nervte sie bereits eine Weile, dass sie mit summte, aber nicht raushörte, um welches Lied es sich handelte. Deutlich zufriedener lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Theke und bedeutete den beiden sich ruhig weiter zu unterhalten.
»Könntest du uns jetzt wenigstens auch aufklären?« Ihr Freund strich sich entnervt seine Haare aus dem Gesicht.
»Diese Melodie – das ist Lili Marleen, von Marlene Dietrich.«, erklärte sie leise.
»Aha.« Nathaniel wandte sich wieder an seinen Kumpel. »Also, was wollen wir machen? Herausfinden, wer hier diese dummen Puppen verteilt, einen anderen Ausgang suchen und hoffen, dass wir keiner weiteren Schaufensterplage begegnen oder nach unten gehen?«
Kai schien ernsthaft zu überlegen. Schließlich schüttelte er den Kopf.
»So, wie du das sagst, klingt keine der Optionen sonderlich verlockend.«
»Ich wähle die Eins«, mischte sich Luisa ein.
»Das war mir klar.«, seufzte Nate. »Kai?«
»Ganz bestimmt nicht die Eins. Lass uns runtergehen und versuchen, durch das Fenster rauszukommen.«
Die drei standen auf und schlichen zwischen den Regalen zum Ausgang. Sie liefen durch einen langen, in mehrere Richtungen verzweigten, Gang, um fünf Minuten später wieder an der Treppe zu stehen. Vorsichtig leuchteten sie nach unten: Die Puppe war verschwunden.
»Na ja, immerhin müssen wir jetzt nicht mehr an diesem schaurigen Ding vorbei.«
Die jungen Männer verdrehten gleichzeitig die Augen und liefen dann einfach los. Sie beeilte sich, ihnen zu folgen, und griff nach Nathaniels Hand. Dieser drückte sie kurz und lächelte ihr aufmunternd zu.
Dieses alles wird gut Lächeln, ging es durch den Kopf, es wird gar nichts mehr gut.
Der Gedanke verankerte sich immer weiter in ihrem Gehirn und schob alles, was daran glaubte, dass sie hier raus kamen, beiseite. Sie behielt ihre Befürchtung für sich, war aber auch nicht in der Lage sich sonderlich überrascht zu geben, als sie unten ankamen und feststellten, dass ihr Fluchtweg verbaut war. Sämtliche Wagen waren so ineinander verhakt, dass kein Rütteln und Gegendrücken half. Nach zig vergeblichen Versuchen gaben sie es auf und liefen wieder hoch. Ihnen blieb jetzt nur herauszufinden wer sich hier einen Spaß erlaubte oder einen anderen Weg nach draußen zu suchen. Sie entschieden sich für beides.
Früher oder später würden sie auf ihrer Suche eh auf den Verantwortlichen treffen. Davon waren sie mittlerweile überzeugt.
Drei Gänge weiter – sie rüttelten schon an der zweiten Metallplatte vor einem Ausgang – drehten sie sich um und blickten in das leere Gesicht einer Schaufensterpuppe. Luisa schlug sich die Hände vor den Mund, um nicht zu schreien, und ihr Freund ließ sich kreidebleich zu Boden sinken. Kai hingegen griff in seine Jackentasche und holte die Zigaretten hervor und hielt der jungen Frau eine hin.
»Jetzt ist eh egal.«, sagte er tonlos. »Wenn diese Puppe einfach ohne Vorwarnung hinter uns auftaucht, dann können wir auch rauchen.«
Er bemühte sich nicht einmal mehr, leise zu reden. Es ergab einfach keinen Sinn in seinen Augen und sie verstand seine Haltung nur zu gut. Daher nahm sie die Hände vom Mund, atmete tief durch und griff sich die Zigarette, die er ihr freundlicherweise sogar noch anzündete.
»Wir könnten auch den Puppen folgen.«, schlug sie scherzhaft vor. »Die zeigen ja immer in eine bestimmte Richtung.«
»Ja klar, warum nicht.«
Kai schien nun echt alles egal zu sein. Er drehte direkt um und folgte dem ausgestreckten Arm der Puppe – zurück zu der ersten großen Passage. Verblüfft schaute sie zu Nathaniel runter, der nur mit den Schultern zuckte und aufstand.
»War dein Vorschlag …«
Damit nahm er ihre Hand und folgte seinem Kumpel.
*****
»Also, laut dieser Puppe hier sollen wir da runter.«
Sie verharrten seit einigen Minuten an der Rolltreppe, die zum Bekleidungsgeschäft führte. Direkt neben ihnen war eine Schaufensterpuppe drapiert worden und zeigte leblos nach unten. Drei weitere Puppen standen vor der alten Eisdiele und deuteten in dieselbe Richtung. Seufzend setzte Nathaniel dazu an, sich als Erstes auf die Rolltreppe zu stellen, als Luisa ihn festhielt und ihn zurückzog.
»Lass mich zuerst gehen.«, sagte sie und drängte sich an ihm vorbei, ehe es ihm gelang, dies zu verhindern.
Die Rolltreppe setzte sich geräuschvoll in Bewegung und die Fünfundzwanzigjährige fuhr nach unten. Ihr Licht wanderte an der Decke entlang und wurde immer schwächer. Völlig perplex standen die beiden für einen Augenblick einfach nur da und sahen ihr nach, dann beeilten sie sich, ihr zu folgen. Unten angekommen, war von Luisa aber keine Spur.
»Vermutlich ist sie schon in dem Laden.«
Nathaniel nickte und schluckte. Durch die geöffnete Ladentür – die einzige Tür in dem gesamten Center, die wirklich weit offen stand – erkannte er nur Finsternis. Kein Licht, das von der Kopflampe seiner Freundin hätte stammen können. Beinahe erwartete er, dass sie direkt neben der Tür kauerte und nur darauf wartete ihn zu erschrecken. Aber so weit würde sie in einer solchen Situation nicht gehen. Hoffte er.
»Gehst du vor oder soll ich?«, fragte Kai mit ungewohnt sanfter Stimme.
»Ich gehe.«
Der junge Mann nahm allen Mut zusammen und betrat das Geschäft. Hier herrschte, unerwarteterweise, ein absolutes Chaos. Es roch modrig und nach kalter Asche. Nathaniel ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe durch den Laden gleiten und schluckte. Hier unten waren die Spuren des Brandes, die sie oben die ganze Zeit vermisst hatten. Er lief weiter. Unter seinen Schuhen knirschte und knackte es – Glassplitter und die Überreste von Regalen zerbrachen unter seinem Gewicht.
»Luisa?«, er traute sich nicht laut zu rufen.
Alles blieb still, bis auf Kais Schritte hinter ihm. Plötzlich krachte es beim Eingang. Die Freunde drehten sich erschrocken um und leuchteten zur Tür, welche nun verschlossen war. Hinter den beiden ertönte wieder diese Melodie, die vorher die ganze Zeit aus den Lautsprechern des Centers gedrungen war. Ihnen war gar nicht aufgefallen, dass sie vor einer Weile verstummt war. Dieses Mal klang das Lied etwas blechern, wie von einer Spieluhr. Sie wurde mal schneller, mal langsamer.
»Zusammen?«
Nathaniel nickte und setzte sich gemeinsam mit Kai in Bewegung. Beide leuchteten nun in die Richtung, aus der sie die Musik vermuteten. Sie wurde lauter und schien näher zu kommen.
»Wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen.«, sang eine befremdliche Stimme aus der Dunkelheit irgendwo direkt vor ihnen. Dann war alles still.
Die zwei leuchteten in die Richtung und erschraken. Vor den beiden stand Luisa, eine kleine Spieluhr in der Hand. Ihr Blick war leer und ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie bewegte sich keinen Millimeter.
»Schatz?«, Nate lief vorsichtig ein paar Schritte vor.
Er blieb jedoch stehen, da Luisa wieder anfing an der Kurbel der Spieluhr zu drehen und die Musik von vorne begann.
»Ich habe sie von meinem Freund bekommen. Als Abschiedsgeschenk, hier im Center.«, flüsterte sie leise.
»Bruder …«, Kai berührte ihn am Arm. »Lass uns verschwinden.«
»Er hat mir gesagt, das er mit einer wie mir nicht mehr zusammen sein will. Das er sich für mich schämt.«
Eine Träne lief über ihre Wange. Nate stand völlig erstarrt da und konnte sich nicht bewegen. Kai versuchte, ihn zurückzuziehen.
»Ich wollte nicht, das Menschen verletzt werden.«, fuhr Luisa fort und Kai sah zu ihr. »Ich wollte lediglich etwas zerstören, in meiner Wut. So lange tat es weh, so unglaublich lange und du, du hast den Schmerz ausgelöscht. Ich wünschte, ich wäre nicht gezwungen zu gehen und wünschte – ich müsste euch nicht mitnehmen.«
»Nathaniel!«, brüllte der andere. Er stürmte los zur Tür und versuchte, sie mit seinen Stahlkappen Stiefeln einzutreten, doch das Glas kümmerte sich nicht drum.
Um sie herum hatte inzwischen alles im Laden Feuer gefangen. Luisa stand mitten in den Flammen und lächelte traurig, während Nate zu Boden sank und die Augen schloss.
*****
Draußen vor den Ruinen des alten Einkaufszentrums kniete eine Frau und zündete eine Kerze an und stellte sie vor ein Foto. Dies tat sie jedes Jahr an diesem Tag, danach ging sie und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. Zurück blieben nur die Kerze einer trauernden Mutter und das Foto mit einem letzten Abschiedsgruß.
»Ruhe in Frieden, meine kleine Luisa. Meine geliebte Tochter.«

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